Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 09.11.2017


Tiroler Wirtschaftsforum

Internetforscher: “Recht auf Irrationalität bewahren“

Der Internetforscher und Buchautor Viktor Mayer-Schönberger referierte auf dem Wirtschaftsforum über die Möglichkeiten von Big Data und wie dies die Welt in Zukunft verändern wird.

© Thomas Boehm / TTFür Viktor Mayer-Schönberger verändert Big Data, wie wir die Wirklichkeit wahrnehmen.Foto: Thomas Böhm



Innsbruck – In der Vergangenheit war das Sammeln, Speichern und Auswerten von Daten immer kostenintensiv und zeitaufwändig. „Das hat sich mit der Digitalisierung massiv geändert. Heute können wir mit Daten den Markt neu erfinden – und Wohlstand für alle schaffen. Dazu müssen aber Big Data, Automatisierung und künstliche Intelligenz ihr Potenzial voll entfalten können“, betonte Viktor Mayer-Schönberger, Professor an der Universität Oxford, beim gestrigen Tiroler Wirtschaftsforum.

Big Data werde die Art und Weise, wie wir über Gesundheit, Erziehung, Innovation und vieles mehr denken, völlig umkrempeln. „Es geht darum, dass die enorme Datenfülle uns nicht nur hilft, ,richtige‘ Entscheidungen zu treffen, sondern generell die Herangehensweise an Fragen bzw. Probleme verändert“, so Mayer-Schönberger. Big Data sei eine Revolution, so der Internetforscher, weil es verändere, wie wir Wirklichkeit wahrnehmen. Grundsätzlich sei der Mensch ein schlechter Entscheider und die Möglichkeit, sich auf der Basis von vielen Daten entscheiden zu können, würde hier helfen. Wurden zum Beispiel früher, so Mayer-Schönberger, die durchaus vorhandenen Informationen auf dem „Markt“ mehr oder weniger auf den Preis „eingedampft“, werde in Zukunft die Entscheidung zum Kauf auf einer Vielzahl von Informationen beruhen, von denen der Preis nur eine sein werde. Damit würden im Gegensatz zu früher Angebot und Nachfrage viel genauer aufeinander abgestimmt. Grundsätzlich bedeutet für Mayer-Schönberger Big Data, dass Menschen von der Qual der Entscheidung früherer Zeiten hin zur Freiheit der Wahl kommen können.

Bei all der Begeisterung verschwieg Mayer-Schönberger nicht die dunkle Seite von Big Data, wie das Ausspähen von persönlichen Daten und den drohenden Verlust der Privatsphäre. Vor allem dürften den Effizienzgewinn nicht allein die großen Datenmonopolisten einstreichen. „Nur wenn dieser allen zugute kommt, schaffen wir eine digitale soziale Marktwirtschaft“, so Mayer-Schönberger. Man brauche dringend Regeln, die es auch den kleinen und mittleren Unternehmen möglich machen, absolut breiten Zugang zu den enormen Datenmengen zu haben. Allerdings zeigt sich Mayer-Schönberger hier skeptisch, diskutierten Politiker doch noch immer auf der Basis des 20. Jahrhunderts.

Sorgen bereite ihm vor allem, dass die „Big Player“ auf dem Markt ihre Macht dazu nutzen können, durch die Veränderung bzw. gezielte Nutzung von Daten so genannte „digitale und vor allem lernende Entscheidungshilfen“, an denen wir uns orientieren, in ihrem Sinn zu manipulieren. „Eine Möglichkeit, sich dagegen zu wehren, wäre zum Beispiel, sich bei Unternehmen wie Google die Algorithmen anzusehen und zu entscheiden, ob das plausibel ist und ob hier sinnvoll mit den Instrumenten umgegangen wird“, meint Mayer-Schönberger. Außerdem würde es auch eine gesellschaftliche Diskussion und eine politische Entscheidung brauchen, für welche Bereiche Big Data nicht eingesetzt werden darf.

Es müsse, meinte Mayer-Schönberger abschließend, vor allem auch Platz dafür sein, Entscheidungen immer noch selbst treffen zu können: „Ich wünsche mir ein Recht auf Irrationalität, einen Freiraum für Verrücktheiten, also ein Recht darauf, mich nicht so entscheiden zu müssen, wie es empirisch rational richtig wäre.“ (hu)