Letztes Update am So, 03.12.2017 10:01

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

,,Im Engadin ist es besser gelungen, Tradition beizubehalten“

Seit einem halben Jahr ist der Tiroler Gerhard Walter Chef von der Tourismusregion Engadin/St. Moritz. Mit der Tiroler Tageszeitung sprach er über seine Pläne, abgelehnte Olympia-Bewerbungen und den Charme der Grand Hotellerie.

© iStockphotoSt. Moritz ist die wohl bekannteste Destination im Engadin. Ein Tiroler hält hier touristisch die Geschicke in der Hand.



Sie haben sich gegen 70 Bewerber durchgesetzt, und doch gab es bei ihrem Jobantritt einige Aufregung: Ausgerechnet ein Österreicher übernimmt eines der wichtigsten Tourismusgebiete der Schweiz. Hat sich der kleine Sturm wieder gelegt?

Walter (lacht): Da müssen Sie die Schweizer fragen. Ich habe aber das Gefühl, es ist kein Thema mehr. Ich glauber aber nicht, dass es jemals wirklich ein Thema war. Mir ist das auch nie von einem Leistungsträger widergespiegelt worden.

Vorher waren sie für den Kitzbühel-Tourismus verantwortlich. Ein Kontrast?

Walter: Es ist größer, ja und nicht nur aufgrund der Größe eine Herausforderung, sondern auch weil es eine ganz andere Struktur ist. Es gibt ein paar Orte in der Organisation, die sind weltbekannt, wie eben St. Moritz. Und dann gibt es Gemeinden, die sind nicht so bekannt, gehören aber trotzdem dazu und sind für unser Angebot wichtig.

In den letzten Jahren hat der Tourismus in der Schweiz eine Talsohle durchschritten. Trotz einer leicht positiven Trendwende eine Herausforderung?

Gerhard Walter, CEO vom Engadin Tourismus.
- ESTM

Walter: Ja, es ist schon so, dass die Destination jetzt zehn Jahre eine Entwicklung hinter sich hat, die ziemlich negativ war. Zehn Jahre Talfahrt ist schlimm – aber jetzt gilt es, diese Entwicklung ins Gegenteil zu verkehren.

Sie sagten einmal, die Gründe für die Talfahrt im Tourismus waren hausgemacht. Waren das in der Schweiz anders als in Tirol?

Walter: Ja die sind schon anders. Der Tourismus in der Schweiz oder speziell hier im Engadin war über viele Jahrzehnte eine Erfolgsgeschichte ohnegleichen. Und wenn eine Entwicklung über viele Jahre so erfolgreich ist, wird man vielleicht etwas zu bequem, vielleicht auch zu wenig bemüht oder engagiert gegenüber dem Gast. Das ist dann eine Entwicklung, die ein bisschen in die Komfortzone hineingeht.

Wieso hat es so lange gedauert, diese Negativ-Spirale zu beenden?

Walter: Naja, es sind schon Entwicklungen dazugekommen, die übergeordnet sind, wo man keinem einen Vorwurf machen kann. Die Entwicklung vom Schweizer Franken etwa, oder auch die Tatsache, wo die Schweizer Nationalbank quasi über Nacht den Mindestkurs aufgegeben hat. Das hat die Tourismuswirtschaft am falschen Fuß erwischt.

Welche Märkte hat das getroffen?

Walter: Vor allem den Euro-Raum, Deutschland, Italien. Wir haben am italienischen Markt, der ja unser drittwichtigester ist, fast 70 Prozent an Marktanteil verloren. Der Anteil an russischen Gästen ist in den letzten Jahren ebenfalls stark zurückgegangen.

Welche Bedeutung hat St. Moritz für den Engadin-Toursimus?

Walter: Was St. Moritz gut macht, ist dass es den Verlust an deutschen oder italienischen Gästen zum Teil wieder wettmachen konnte, indem es andere Touristen angesprochen hat. Aber da sind wir noch weit davon entfernt, das komplett wettzumachen. St. Moritz ist aber sicher einer der schillerndsten Marken, die es im ganzen Alpintourismus gibt.

Im Dezember steht der Ski FIS Weltcup der Damen in St. Moritz an.

Walter: Ja genau. Es gab schon fünf Skiweltmeisterschaften und zwei Mal olympische Spiele, das gehört einfach zu uns dazu. Es ist aber wichtig, dass wir nicht nur in der Vergangenheit hängen bleiben. Bei einer erfolgreichen Marke ist es notwendig, dass man jedes Jahr wieder beweist, dass man da auch dazugehört.

Stichwort „dazugehören“. Sie Haben bestimmt die abgelehnte Olympiabewerbung in Innsbruck mitbekommen. Wie geht es Ihnen als Touristiker damit?

Walter: Es hat auch hier im Graubünden im Februar eine Volksabstimmung gegegeben, die negativ ausgegangen ist. Ebenso wie in Innsbruck. Beides Mal hat mein Herz geblutet. Im Falle vom Engadin war es leider vor meiner Zeit, da konnte ich es nicht beeinflussen. Im Fall von Tirol konnte ich es nur mit meiner Stimme als Exil-Tiroler machen und das hat nicht gereicht.

Können Sie diese die Entscheidung gegen eine Bewerbung in Tirol nachvollziehen?

Walter: Ich kann es nachvollziehen, ich finde aber, dass man die Sorgen mit einer anderen Kommunikation – vor allem mit mehr Information – erklären hätte können. Offensichtlich ist es nicht gelungen, diese Ängste, die zuvor geherrscht haben, zu entkräften.

Gibt es Parlellen im Schweizer und Tiroler Tourismus?

Walter: Ja, die gibt es schon. Zum Beispiel spielt im alpinen Raum der Klimawandel für alle eine Rolle. Gerade für Bergbahnbetreiber werden die Herausforderungen immer schwieriger. Was sicher auch gleich ist, ist, dass manche Märkte stagnieren, das gilt für den Skifahrermarkt in Europa. Der Kuchen wird nicht größer und das führt zu einem Verdrängungswettbewerb. Die Schweiz hatte in den letzten Jahren ein paar Wettbewerbsnachteile und davon hat dann zum Beispiel Tirol oder Österreich profitiert.

Wie ist die Hotellerie gefordert im Engadin?

Walter: Viele Hotels sind schon auf dem richtigen Weg. Wir müssen jetzt vor allem intern unsere Kräfte bündeln. Früher war das Einzelkämpfertum noch stärker, aber in den letzten Monaten konnten wir das schon gut zusammenführen. Es gibt hier einige Vorzeigebetriebe, vor allem was die Grand Hotellerie betrifft. Sowas findet man heutzutage in Tirol nicht mehr.

Inwiefern?

Walter: Naja, der Trend geht bei den Hotels in Richtung reduziert mit einem hohen Anteil von Glas, ein bisschen Holz, grauer Boden – und ein Hotel von Kitzbühle bis zum Arlberg schaut gleich aus. In der Top-Hotellerie im Engadin ist es sicher in den vergangenen Jahrzehnten besser gelungen, die Tradition und Unverwechselbarkeit beizubehalten. Die Kunst ist, das Gute des Alten zu bewahren, und das so umzusetzen, dass es dennoch nicht wie von Gestern wirkt.

Das Gespräch führte Renate Perktold.