Letztes Update am Mo, 18.12.2017 10:02

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

„Standortagentur ist kein Selbstzweck“

Wirtschaftslandesrätin Patrizia Zoller-Frischauf und der neue Geschäftsführer der Standortagentur Tirol, Marcus Hofer, über notwendige Strategien für die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Tirol.

Wirtschaftslandesrätin Patrizia Zoller-Frischauf und der neue Geschäftsführer der Standortagentur Tirol, Marcus Hofer.

© TT/Thomas BöhmWirtschaftslandesrätin Patrizia Zoller-Frischauf und der neue Geschäftsführer der Standortagentur Tirol, Marcus Hofer.



Die Standortagentur Tirol ist 20 Jahre alt. Wurden aus Ihrer Sicht die Ziele erreicht und wo soll es hingehen?

Patrizia Zoller-Frischauf: Die Standortagentur wurde ständig weiterentwickelt und ist heute eine Dienstleistungsagentur, vor allem für unsere KMU-basierte Wirtschaft. Die Wirtschaft verändert sich ständig und hier gilt es dranzubleiben, vor allem für diese kleinen Firmen, die doch häufig am an sich erfolgreichen „Altbewährten“ festhalten und dadurch aber Gefahr laufen, ins Hintertreffen zu geraten.

Der Rechnungshof kritisierte zuletzt, dass die Standort­agentur lediglich die Gewährung von Zuschüssen als Förderinstrument einsetzt.

Zoller-Frischauf: Zuerst einmal, die Standortagentur ist nicht der Fördergeber, das macht das Land gemäß den jeweiligen Richtlinien. Und natürlich gibt es über den Tiroler Wirtschaftsförderungsfonds auch, wie vom Rechnungshof gefordert, Darlehen. Nur wird dies im heutigen Zinsumfeld nicht mehr so nachgefragt.

Kritiker monieren, dass sich die Landesregierung mit der Standortagentur ein in Wahrheit zu mächtiges wirtschaftspolitisches Instrument geschaffen hat.

Zoller-Frischauf: Die Standort­agentur ist kein Selbstzweck. Und wenn die Standortagentur ein so starkes Instrument ist, dann ist das positiv für das Land, weil sie ausschließlich der Stärkung der Wirtschaft dient. Ein Erfolg der Standort­agentur ist, dass sich die Zusammenarbeit am Standort Tirol enorm verbessert hat. Früher hat jeder sein Süppchen gekocht, da wurde unter Umständen sogar heftig gegeneinander gearbeitet. Jetzt merkt man, zusammen sind wir stärker. Das sieht man auch am Projekt „digital.Tirol“. Hier werden die Ideen und Konzepte der einzelnen Player zusammengetragen und die Standort­agentur koordiniert das.

Sollte dies nicht die Aufgabe von Lebensraum 4.0 sein?

Zoller-Frischauf: Das Projekt Lebensraum Tirol 4.0 ist für eine integrierte Standortentwicklung zuständig und damit die übergeordnete Ebene. Es gibt die großen Themen vor, die dann von allen Beteiligten gemeinsam umgesetzt werden müssen.

Marcus Hofer: Das interessante am Lebensraum 4.0 ist eben der generelle Blick auf Tirol als gemeinsamer Standort. Dadurch passiert auch die Entwicklung des Standortes zusammenhängend. Unser Beitrag ist die Entwicklung des Innovations- und Technologiefeldes für die Wirtschaft. Über Lebensraum 4.0 können wir dafür laufend neue Querverbindungen herstellen.

Sie sind seit 16 Jahren in der Standortagentur und seit Kurzem Geschäftsführer. Wo liegen die Herausforderungen, die auf die Standortagentur zukommen?

Hofer: Das ist aufbauend auf die Technologieoffensive definitiv die Digitalisierung. Viele unserer Unternehmer wissen oftmals nicht, was Digitalisierung konkret für sie bedeuten kann, dass vielleicht sogar das eigene Geschäftsfeld ganz neu gedacht werden muss, dass sich Zulieferbeziehungen ändern, usw. Wir integrieren das Querschnittsthema gerade in all unsere Dienstleistungen und stellen Know-how und Stärken unseres Teams noch interdisziplinärer zur Verfügung. International wird es darum gehen, Tiroler Firmen in Brüssel stärker zu positionieren und so mehr Gelder lukrieren zu können. In Tirol hingegen ist es wichtig, dass wir uns noch mehr in den Regionen verästeln.

Der Tourismus steht vor einem enormen Strukturwandel. Und dabei wird es auch Verlierer geben. Stellt sich die Frage, was hat das Land wirtschaftspolitisch in der „Pipeline“, um darauf zu reagieren?

Zoller-Frischauf: Zum einen geht es natürlich um den Ausbau der Infrastruktur hinsichtlich der Digitalisierung aller Wirtschaftsbereiche. Hier investieren wir in den nächsten Jahren 100 Mio. Euro. Zum anderen bieten wir in den Regionen Unternehmern an, mithilfe von Experten ihre Firmen auf den „Ist- und Sollzustand“ zu prüfen. Dafür gibt es auch Fördergelder. Zudem bieten wir Weiterbildungsmöglichkeiten für Mitarbeiter in der Führungsebene an. Und natürlich geht es schlussendlich auch darum, in schwierigen Regionen Rahmenbedingungen zu schaffen, die Dienstleistungsangebote abseits des Tourismus möglich machen.

Hofer: Es geht darum, den starken Tourismus als Motor für neue Unternehmen zu nutzen. Das gelingt uns, wenn wir das Feld „Tourism Tech“ ausbauen, das heißt, den Tourismus mit Technologien aus Gesundheit oder Energie bis hin zu Mobilität und digitalen Produkten unterstützen. Da gibt es schon einige Erfolgsgeschichten. Diese und passende Angebote können junge, gut ausgebildete Menschen motivieren, genau dort den Schritt in die Selbstständigkeit zu setzen. Wir hatten heuer über unser „Go Tirol“-Programm auch schon europäische Start-ups aus dem IKT-Sektor zu Gast. Alle haben bestätigt, wie attraktiv der Tourismus als Markt ist.

Aber ist der Fokus auf den Tourismus in Wahrheit nicht zu wenig?

Zoller-Frischauf: Zuerst geht es darum, das anzubieten, wovon die Firmen vor Ort einen Nutzen haben. Wir bieten zum Beispiel in Landeck einen Universitätslehrgang für Tourismus an. Das wurde am Anfang sehr skeptisch betrachtet, wird aber inzwischen hervorragend angenommen. Zuerst geht es darum, dass die Leute begreifen, ich muss ja nicht weggehen, in Landeck kann ich sogar studieren. Und auf dieser Basis kann man das Angebot nach und nach erweitern.

Bald gibt es Landtagswahlen. Wird es danach noch eine Frau Wirtschaftslandesrätin Zoller-Frischauf geben?

Zoller-Frischauf: Lassen wir uns überraschen. Ich glaube, vor einer Wahl sollte man sich nie sicher sein. Ich glaube aber, ich habe mich bemüht und in den letzten Jahren nicht so schlecht gearbeitet. Auch die Stimmung am Standort ist sehr gut. Darum gehe ich mit einer Freude in diese Wahl.

Das Interview führte Hugo Müllner