Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 29.12.2017


Bezirk Landeck

Nach Unfall des Wirtes: Stanz erneut ohne Gasthaus

Nach einem schweren Unfall des Wirts muss das Stanzer Dorfgasthaus wieder schließen

Ein Abschiedsfoto: Paul (l.) und Barbara Jehle (2. v. r.) mit ihren Töchtern Jasmin, Julia, Johanna und Jelena und BM Martin Auer (hinten).

© ReichleEin Abschiedsfoto: Paul (l.) und Barbara Jehle (2. v. r.) mit ihren Töchtern Jasmin, Julia, Johanna und Jelena und BM Martin Auer (hinten).



Von Matthias Reichle

Stanz – „Es ist schwer, wenn der Chef fehlt“, betont Barbara Jehle, „und es ist nicht abschätzbar, wie lang es dauert und ob er den Beruf des Kochs danach noch ausüben kann.“ Seit dem Unfall ihres Mannes, bei dem er sich die Hand beim Holzklieben abgetrennt hatte, ist die ganze Familie eingesprungen, um den Stanzer Dorfwirt am Leben zu erhalten. „Alle vier Töchter haben mitgeholfen“, betont Paul Jehle, der selbst von einem Wunder spricht, dass seine Hand noch gerettet werden konnte. „Sie ist nur noch am kleinen Finger gehängt.“ In einer 14-stündigen Notoperation wurde sie von Dr. Robert Zimmermann und seinem Team wieder angenäht. Danken will Jehl­e aber auch Dr. Jörg und Dr. Klimmer, die im Notfall die richtigen Entscheidungen getroffen haben, sowie den Therapeuten am Krankenhaus Zams. „Aber es braucht Zeit zu heilen“, so Jehle.

Man habe probiert, das Gasthaus weiterzuführen – „es geht nicht“, zieht Barbara Jehle nun eine bittere Bilanz. Mit dem Ergebnis, dass der Betrieb mit Ende des Jahres schließt. Zum letzten Mal kocht man übermorgen, am 31. Dezember, auf.

Die Familie hatte das Lokal, das seit August 2016 verwaist war, erst heuer im Mai übernommen und unter großem Medienecho wieder eröffnet. Das halbe Dorf war auf den Beinen, gab es doch endlich wieder eine Möglichkeit zum Einkehren. „Es war auch unser Traum“, betont Barbara Jehle, dass die Übernahme des kleinen Lokals auch für die Familie etwas Besonderes war. Das Leben wollte es anders.

Ein schwerer Schlag ist das für die Gemeinde, die nicht nur die Verpächterin des Lokals ist. Bürgermeister Martin Auer war es ein besonderes Anliegen, dass das Gasthaus als Dorfzentrum und sozialer Treffpunkt wieder aufsperrt. „Es war ein Lottosechser“, erinnert er an die Wiedereröffnung im Mai. Trotzdem verneigt er sich vor der Entscheidung und zeigt großes Verständnis. „Es ist ein sozialer Härtefall.“ Mit einem Mal sei dem Gasthaus das „Fundament“ weggebrochen. Die Familie hatte zusammengeholfen, aber derzeit gebe es keine Chance, einen Koch zu finden.

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Die Jehles waren für Stanz ein Glücksfall: „Sie haben gezeigt, dass ein kleines Dorfgasthaus rentabel zu führen ist“, erläutert der Bürgermeister. So sei die Familie gleich ins Dorfleben integriert gewesen, sie selbst hätten wiederum nicht nur auf sehr hohem Niveau aufgekocht, sondern auch die heimische Landwirtschaft in ihren Menüplan eingebunden. „Die Leute haben die Familie akzeptiert und sich dort wohlgefühlt. Es ist ewig schade, dass sie nun aufhören müssen.“

Der Bürgermeister will jetzt wieder in die Offensive gehen und einen Nachfolger finden. Dass das nicht leicht wird, weiß er. Nichtsdestotrotz hat die Gemeinde viel Geld in das Gebäude investiert, zusätzlich könne man eine 100 Quadratmeter große Gemeindewohnung in Toplage mitanbieten.

Auch Barbara Jehle will bei der Suche nach einem Nachfolger behilflich sein. Der fängt nicht bei null an. „Wir haben uns bemüht, dass das Lokal gut vorbereitet ist“, betont sie. „Seit Beginn war das Gasthaus an jedem Wochenende voll“, unterstreicht auch Paul Jehle.