Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 05.02.2018


Bezirk Innsbruck Land

„Schönschreiben“ als Beruf

Vor rund vier Jahren hat Eva-Maria Kunzenmann den „Kalligrafieraum“ in Hall eröffnet. Die zeitintensive Kunst der feinen Feder bedeutet für sie auch bewusste Entschleunigung.

© Markus StegmayrEva-Maria Kunzenmann – hier bei der Arbeit in ihrem „Kalligrafieraum“ in der Haller Altstadt – geht einem in Österreich seltenen Kunsthandwerk nach. Der Zeitgeist komme ihr entgegen, meint sie. Foto: Stegmayr



Von Markus Stegmayr

Hall – Seit über 15 Jahren beschäftigt sich die gebürtige Innsbruckerin Eva-Maria Kunzenmann intensiv mit dem Thema Kalligrafie, die sich etwas salopp als die Kunst des „Schönschreibens“ bezeichnen ließe. 2001 begann sie als Urkundenschreiberin, 2011 eröffnete sie eine Kalligrafiewerkstatt in Innsbruck. Mit dem „Kalligrafieraum“ in Hall traf sie die Entscheidung, sich voll auf dieses seltene Kunsthandwerk zu konzentrieren.

„Ich hatte zum Glück immer schon eine schöne Handschrift“, erzählt die Kalligrafin bereits eingangs, umringt von eigenen Arbeiten in ihrer Haller „Werkstatt“. Die Kalligrafie beschreibt sie wenig später als die „feine Feder“, als – so die wörtliche Übersetzung aus dem Griechischen – die „schöne Schrift“. In dieser Disziplin werde mit Tinte oder Tusche geschrieben, erklärt sie. Große Themen bei Kunzenmann sind – ein genauerer Blick in ihren Kalligrafieraum belegt das nur allzu deutlich – Taufen, Hochzeiten und Erstkommunionen. „Bei solchen Anlässen muss etwas Feines her“, sagt Kunzenmann. „Bei runden Geburtstagen kommt aber auch schon mal die wilde Feder zum Zug“, schiebt sie nach und lächelt.

Egal ob „fein“ oder „wild“, die Kalligrafie braucht Zeit. Für den schnellen Auftrag ist Kunzenmann eher nicht zu haben. „Der Aufwand ist sehr groß. Es ist nicht so, dass ich einfach so auf einem ganz normalen Blatt Papier schreiben würde. Ich male fast mehr, als ich schreibe“, beschreibt sie ihr langsames und zeitintensives Handwerk. Um diese Form der Entschleunigung würden sie viele Grafike­r, die mittlerweile nur noch am Computer sitzen, beneiden. „Hast du es aber fein – so was höre ich schon öfter“, sagt sie, sichtlich glücklich, dass sie als gelernte Werbegrafikerin diesem „Schicksal“ entkommen ist.

Auch mit der Wahl, ihren Raum in der schmucken Haller Altstadt zu situieren, ist sie sehr zufrieden. „Hall ist ein schöner Ort und passt gut zu meinem Handwerk.“ In dieser „entschleunigten“ Atmosphäre fand sie offenbar auch Zeit, sich mit „Glücksbriefen“ zu beschäftigen, die ihr sehr am Herzen liegen. „Das ist eine ganz alte Tradition, mit Motiven zum Teil aus dem 16. und 17. Jahrhundert“, berichtet Kunzenmann. Symbolisch habe man damals schon einen Pfennig in die „Hülle“ des Briefes eingeschlagen. Eine symbolische Mitgabe für den Lebensweg sozusagen. Auch auf die originellen „Poesie­hütchen“ ist sie ganz besonders stolz.

Doch die Kalligrafin sitzt nicht, wie man jetzt annehmen könnte, den ganzen Tag in ihrem von klassischer Musik dezent beschallten Kämmerchen und „malt“ zu ihrem eigenen Vergnügen. „90 Prozent sind Auftragsarbeiten, der Rest kleine Kärtchen und Glückwunschkarten“, spricht sie konkret über ihre berufliche Situation. Eine brotlose Kunst für Elfenbeinturmbewohner ist die Kalligrafie außerdem ebenfalls nicht: „Im dritten Jahr ist die Auftragslage regelrecht explodiert“, berichtet Kunzenmann.

Das liegt höchstwahrscheinlich auch daran, dass sie ein Monopol im näheren und weiteren Umfeld innehat. „Damals, vor vier bis fünf Jahren, kannte ich niemanden in Österreich, geschweige denn in Tirol oder Innsbruck-Land, der diesem Handwerk nachging“, weiß Kunzenmann. Mittlerweile gebe es aber einige, die Urkunden schrieben, so die Kalligrafie-Expertin. „In der Form, wie ich es mache, mit gezielten Aufträgen von Kunden, kenne ich aber nach wie vor niemanden“, meint sie.

Auch der Zeitgeist komme ihrem Handwerk sehr entgegen. „In Holland oder Finnland hat es ja beispielsweise geheißen, dass es künftig keine Handschrift mehr braucht. Das hat natürlich eine Gegenbewegung losgetreten“, skizziert Kunzenmann einen neuen Trend hin bzw. zurück zur Handschrift.

„Ich bin glücklich, dass ich so schöne Sachen machen kann und diese auch noch so gut ankommen“, schließt Kunzenmann. Wenig später widmet sie sich wieder dem „Schönschreiben“. Sie wirkt entspannt, angekommen, ganz in ihr Handwerk vertieft.