Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 18.02.2018


Exklusiv

Doppelter Schnee, nicht viel weniger Beschneiung

Es ist paradox: Die Seilbahner lässt der schneereiche Winter kalt, weil sie schon im Herbst vorgesorgt haben. Ein Forschungsprojekt will helfen, in Zukunft Schnee auf den Zentimeter genau zu produzieren.

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© Michael Kristen



Von Matthias Christler

Innsbruck — Was liegt, das pickt. Und hinterher ist man immer gescheiter. So lässt sich der Winter aus Sicht der Tiroler Skigebietsbetreiber derzeit beschreiben. Weil die vergangenen Saisonen nicht mit der weißen Pracht geglänzt haben, wurde vor Weihnachten so viel Schnee produziert, dass er auch ohne den aktuell massenhaft anfallenden Niederschlag bis Ende der Saison Skifahren ermöglicht hätte. Der technisch produzierte Schnee liegt schon und pickt bis April, bestenfalls Mai.

In manchen Skigebieten macht die vorweihnachtliche Schneeproduktion mehr als 90 Prozent aus — was danach kommt, ist punktuelle Nachbeschneiung. Zumindest das muss heuer kaum sein. „Aber die Einsparungen halten sich in Grenzen, weil die Grundbeschneiung gleich geblieben ist", fasst Franz Hörl, Obmann der Seilbahner, zusammen.

So kurios es klingt, der Schneefall hilft aus wirtschaftlicher Sicht gar nicht so sehr. Im Jänner zum Beispiel betrug die Niederschlagsabweichung zu einem durchschnittlichen Winter 186 Prozent, es gab also fast doppelt so viel Schnee. Trotzdem haben die Mayrhofner Bergbahnen bislang nur zehn Prozent weniger Wasser verbraucht, weil die Nachbeschneiung entfiel. In Serfaus waren es immerhin 30 Prozent weniger. Entscheidend für Einsparungen ist vor allem die Kälte. Bei den Bergbahnen Steinplatte fielen im Herbst wesentlich weniger Energiekosten an, da durch die kältere Durschnittstemperatur in kurzer Zeit mehr Schnee erzeugt werden konnte.

Reaktionen aus den Skigebieten

Die kalten Temperaturen der vergangenen und der vermutlich kommenden Woche haben allerdings einen Nachteil. Hat es unter minus 15 Grad, vergeht den Skifahrern die Lust, sagt Werner Frießer von den Bergbahnen Rosshütte. „Neben dem Naturschnee oder der Beschneiung spielen eben noch andere Faktoren hinein. Für den wirtschaftlichen Erfolg sind zum Beispiel die Sonnentage wichtiger. Außerdem verteilen sich die Gäste bei viel Naturschnee auf die kleinen Bürgermeisterlifte, das spüren wir beim Geschäft schon auch", sagt der Seefelder Bürgermeister.

Jubel über den tollen Winter hört sich anders an. Hat ein Skigebietsbetreiber also lieber Kunst- als Naturschnee? Michael Rothleitner, Leiter des Schneezentrums Tirol, erklärt, warum das zum Teil sogar stimmt: „Ein frisch gefallener Pulverschnee ist trocken und lässt sich nicht so gut präparieren. Der Schnee für die Piste braucht aber eine gewisse Feuchtigkeit."

Außerdem kommt es zu der fast „absurden Situation", wie Rothleitner es nennt, dass es im Prinzip ökologisch und ökonomisch günstiger sei, Schnee zu produzieren als Neuschnee mit einem Pistengerät von der Seite auf die Piste zu schieben. „Ein Pistengerät verbraucht viel Treibstoff und hat durch den Diesel einen hohen CO2-Ausstoß. Die Schneekanonen sind energieeffizient und laufen nur noch mit zertifiziertem Ökostrom." Er wolle mit diesem Beispiel aufzeigen, wie komplex Schneemanagement sei und dass es unterschiedliche Ansätze in den Skigebieten gebe.

Das Ziel ist bei allen gleich: Der Gast soll bis zum letzten Tag der Saison beste Pisten vorfinden und dafür soll kein Zentimeter zu viel Schnee produziert worden sein. Denn alles, was dann noch pickt, hat zu viel Geld gekostet.

Vielleicht ist man bald aber auch schon vorher gescheiter. Das Schneezentrum Tirol und einige Tiroler Skigebiete beteiligen sich an dem neuen EU-Projekt „Prosnow". Aufbauend auf lokalen Daten der Vergangenheit wie Schneehöhe, produzierte Schneemenge oder Wasserverbrauch soll eine Software entstehen, mit der bessere Prognosen und damit ein optimiertes Schnee-Management möglich werden.

„Die Hoffnung ist, dass man dadurch zwischen 20 und 30 Prozent der Ressourcen einspart", schaut Rothleitner in die Zukunft. Zum Einsatz kommen soll die Software ab dem kommenden Winter.