Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 09.03.2018


Bezirk Reutte

Vom Außerferner Grenzkiosk zum Online-Handel für Spirituosen

Direkt an der Grenze zu Füssen hat sich der Weisshaus Shop etabliert. Familie Osler ist in den Online-Handel für Spirituosen eingestiegen – mit jährlich zweistelligen Umsatzzuwächsen. Die teuerste Flasche kostete 155.000 €.

© Mittermayr Helmut



Von Helmut Mittermayr

Pinswang – Am Grenzübergang Weißhaus hatte Jose­f Osle­r 1981 mit einem Kios­k begonnen. Kaum hatte sich eine gewinnbringende Geschäfts­idee etabliert, waren äußere Umstände immer stärker und hatten ihm über Nacht die Geschäftsgrundlage entrissen. Beispiel: Das boomende Business mit Ausfuhrbescheinigungen zerbröselte am Tag des EU-Beitritts. Die Rollläden der rentablen Wechselstube mussten nach der Euro-Einführung unten bleiben. Und der Grenztunnel Füssen zog mehr als 90 Prozent des Verkehrs ab, während der Handel mit Reiseandenken und Spirituosen gerade angezogen hatte. „Die Leut’ haben uns einen Vogel gedeutet, was wir da an der Grenze überhaupt noch machen“, lacht Osler. Die Familie begriff dies jedoch nie als Moment, der zum Ende der Selbstständigkeit führen musste, sondern als Ansporn, als Zeit der Veränderung. Neue Geschäfts­ideen wurden geboren. „Das Gejammer ist nicht unsere Sache. Mit ein bisschen Glück, vor allem Mut und Ehrgeiz, ist Erfolg möglich“, erklärt Sohn Andreas Osler, der 2011 von der Sparkasse Allgäu heimgekehrt war und am MCI berufsbegleitend studiert hatte.

Nachdem sich der mit viel Liebe zum Detail betriebene Spirituosenverkauf gut entwickelt hatte, folgte 2009/10 die Initialzündung für Geschäfte in anderen Dimensionen. Im Weisshaus Shop wurde ein Online-Versandhandel für Spirituosen gestartet. Anfangs blieb der Zündfunken eher ein Fünkchen. Gerade einmal drei Pakete am Tag gingen in den Verkauf. Aber mit Geschick und Know-how wurden die Prozesse optimiert und der Kampf mit einem Dutzend Mitbewerber in Österreich, mit über 100 in Deutschland – und mit Amazon aufgenommen. Auch Transparenz sei im Onlinegeschäft extrem wichtig, weshalb sie im Laden den gleichen Preis wie im Internet verlangen. Seit 2012 ist der Umsatz des Weisshaus Shops jedes Jahr prozentuell zweistellig gewachsen. Heute werden von Oktober bis Weihnachten täglich 2000 Pakete ausgeliefert. Die Mitarbeiterzahl schnellte von vier auf inzwischen 25 hinauf, könnte heuer noch auf 30 steigen.

Im vergangenen Herbst wurde eine Millioneninvestition (nach langer Verzögerung durch einen Hangrutsch) fertig gestellt – das neue Logistikzentrum mit modernster Distributionstechnik erhöhte die Schlagzahl enorm. Unter anderem werden die Mitarbeiter mit dem System „Pick to light“ über LED-Lichter zu den jeweiligen „Einsatzorten“ geführt, was die Zeit pro zu verpackender Flasche enorm verkürzt hat. Das einfache System ist auch für Neuanfänger in wenigen Augenblicken zu verstehen. „Übrigens arbeiten fast nur Frauen im Lager. Die Arbeit ist nicht leicht, aber sie sind einfach besser und flinker als Männer“, haben die Oslers eine interessante Erfahrung gemacht. Rund 4500 verschiedene Spirituosensorten sind in der riesigen Halle gebunkert.

Der Kundenkreis ist längst international. Wer am Telefon Kontakt zum Shop aufnimmt, ist in allen europäischen Referenzsprachen gut aufgehoben. Und – sicherlich ein Novum im Außerfern – die Büromitarbeiter haben auf eigenen Wunsch die interne Arbeitskommunikation komplett auf Englisch umgestellt.

Angesprochen auf Highlights im Geschäft, beginnen die Augen von Andreas Osler zu leuchten. Die internationalen Kontakte sind inzwischen so gut, dass man sich für Einzelkunden auch einmal auf die Suche nach gewissen „Ausnahmetropfe­n“ macht. So gelang es ihm nach langem Zureden, einen Sammler zum Verkauf einer bestimmten Flasche Whisk­y zu bewegen. Der Bowmor­e Isla­y Singl­e Malt Scotch Whisky aus dem Jahr 1957 wechselte um 150.000 Euro den Besitzer. Und für einen Cognac Hennessy Beaut­é du Siècle war ein Kunde bereit, 155.000 Euro auszugeben. Gerade wieder verhandelt der 34-Jährige wegen einer besonderen Rarität. Sollte der Deal gelingen, würden eine Flasche Chivas Regal Tribute to Honour, die zu einem königlichen Anlass abgefüllt wurde und die weltweit letzte verfügbare ist, und 250.000 Euro miteinander „getauscht“. Osler erfreut: „Das alles von Reutte aus, dem Whiskyzentrum Europas.“ Und er lässt keinen Zweifel offen, dass so manche Wertanlage nach dem Kauf auch gleich getrunken wurde. Die teuerste ihm bekannte Flasche Whisky, ein Tullamore, die auch geleert wurde, hatte 200.000 Euro gekostet.