Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 18.03.2018


Innsbruck-Land

Berechtigte Sorge oder der Sturm im Marmeladeglas im Wipptal

Urlauberhorden, die Tirols Bergmähder auf der Suche nach Beeren womöglich niedertrampeln: Ein neues Angebot des Tourismusverbands Wipptal sorgt für Aufregung.

null

© istock



Von Michaela S. Paulmichl

Steinach a. Br. – Diese Idee finden manche gar nicht „beerig“: Der Tourismusverband Wipptal wirbt für den kommenden Sommer mit dem Pauschalangebot „Wandern mit Beerwert“. Bei den naturkundlichen Touren sollen Bergwanderführer Urlauber auf Almwiesen, Mähder und in Wälder begleiten, damit diese dort Beeren sammeln können – gerade so viele, um ein kleines Glas Marmelade mit nach Hause nehmen zu können, das zuvor gemeinsam eingekocht wurde, erzählt Helga Beermeister – „ja, so wie die Beeren“ – vom Tourismusverband. „Wir wollten damit etwas ganz Spezielles, Ausgesuchtes anbieten.“ Einige Vermieter hätten diese Idee „sehr nett“ gefunden.

Die Eigentümer eines Gästehauses mit Ferienwohnungen in Obernberg sahen das aber anders: Sie prangerten die „touristische Vermarktung und Zerstörung unserer Naturlandschaft“ an, die Urlauber würden die Wiesen und Mähder der Bauern „niedertrampeln“. Die Vorstellung, Touristen könnten – ähnlich wie die italienischen Pilzesammler – sozusagen „in Horden“ einfallen und Körbe voller Beeren wegschaffen, sorgt für Aufregung.

Die angesprochenen Landwirte fühlen sich als Grundeigentümer zumindest übergangen, wie Alexander Woertz meint, er ist Gebietsobmann der Wipptaler Bauern und Bürgermeister von Pfons. Man hätte vorher mit den Betroffenen reden sollen, „das gehört sich einfach so, das gebietet der Anstand. Wenn jemand von einem anderen etwas braucht, dann fragt er normalerweise.“

Die Vorgehensweise ist jedenfalls auf Unmut gestoßen, jetzt soll es Gespräche geben und eine „vernünftige“ Lösung gefunden werden. „Aber es müssen immer beide Seiten einverstanden sein“, so Woertz.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Dass die geführten Wanderungen ohne Absprache mit den betroffenen Bauern geplant wurden, sieht man auch in Obernberg kritisch. Bürgermeister Josef Saxer, selbst Landwirt, glaubt aber nicht, „dass das eine so große Sache wird. Und wenn das nur eine Handvoll Leute sind, ist das sicher kein Problem.“ Aber trotzdem brauche es Gespräche, immerhin liege Obernberg im Landschaftsschutzgebiet. Weniger vorsichtig drückt sich der Obernberger Landwirt Josef Penz aus, der von einer „Frechheit“ spricht. „Die Mähder gehören den Bauern, das ist alles Privateigentum.“

Beim Tourismusverband versteht man die Aufregung nicht: „Wir wollen die Natur nicht verkaufen“, wehrt sich Helga Beermeister gegen die Vorwürfe. Außerdem handle es sich um ein Pauschalangebot, diese würden traditionell nur wenig angenommen: „Wenn es zehn Urlauber im gesamten Wipptal sind, dann ist das schon sehr viel.“ Sollten es wider Erwarten wesentlich mehr sein, würde man die zeitlich auf etwas mehr als einen Monat – vom 20. August bis 30. September – befristeten Beerenwanderungen im darauffolgenden Jahr nicht mehr anbieten. „Werden wirklich busweise Touristen herangekarrt, wären auch wir dagegen.“ Das Angebot richte sich an Einzelgäste: „Früher sind alle in die Beeren gegangen, heute hat ja niemand mehr Zeit. Aber es gibt so viele, es sind genug davon da. Wenn wir das nicht erlauben, dann dürfte es auch keine Kräuterwanderungen geben.“