Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 29.03.2018


Tirol

Privatkonkurs: 20 Prozent mehr Anmeldungen

Der Ansturm auf die Schuldenberatung reißt nach der Reform des Verfahrens nicht ab, Überschuldete sind meist unter 35 Jahre alt.

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Innsbruck – Seit Herbst 2017 können Betroffene leichter in Konkurs gehen, Grund ist die Novelle des Privatkonkursverfahrens mit einem Wegfall der Mindestquote von 10 Prozent und eine Verkürzung des Zahlungszeitraumes von sieben auf fünf Jahre. „Das lässt die Betroffenen optimistischer sein“, erklärt der Geschäftsführer der Schuldenberatung Tirol, Thomas Pachl. Der Grund ist einfach: Sie können ihre Schulden auch tatsächlich loswerden.

Um rund 20 Prozent mehr Anmeldungen gebe es deshalb seit Herbst 2017. Insgesamt gab es im vergangenen Jahr ca. 3500 Klientenkontakte, 1111 Beratungsfälle, davon waren 40 außergerichtliche Ausgleiche mit Ratenplan. 238 gerichtliche Zahlungspläne wurden erwirkt und über 121 Klienten wurde ein Abschöpfungsverfahren eingeleitet, insgesamt bekamen also 399 Klienten Hilfe zur finanziellen Sanierung. 712 Personen kamen zur Rechts- und Sozialberatung in die Schuldenberatung.

In die Schuldenfalle rutschen könne jeder, sagt Pachl: „Nur keiner kann es sich vorstellen. Wer einen Kredit aufnimmt, der begibt sich aufs Eis.“ Bei 95 Prozent der Kreditnehmer klappe die Rückzahlung, aber auch jene fünf Prozent, die sich überschulden, verdienen eine gute Lösung, so Pachl. Der typische Schuldner sei nicht der Spieler, der sein Gehalt beim Kartenspielen verzockt (5 Prozent), sondern der Familienvater, der für die Wohnungseinrichtung oder das Auto einen Kredit aufnimmt. „Dann geht etwas schief, er wird arbeitslos und es sind auch Kinder da und schon befindet er sich finanziell in der Abwärtsspirale“, sagt Pachl.

Die meisten Klienten sind zwischen 26 und 35 Jahre (30 Prozent), die wenigsten über 55 Jahre (unter 10 Prozent). Relativ oft von Überschuldung betroffen sind Selbstständige (ca. 27 Prozent). Diese häufen relativ hohe Schulden an, dazu kommen Forderungen von Finanzamt oder Sozialversicherung. Auch die Schuldenberatung selbst kämpft mit Geldproblemen. Aktuell gebe es elf Vollzeit-Berater für ganz Tirol. Die Wartezeit nach einer Erstberatung bis zum Start der Arbeit für die Schuldenregulierung liegt derzeit bei drei Monaten. Pachl rechnet, dass sie aber länger werden könnte, sollte der Ansturm 2018 nicht wieder abnehmen.

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2017 wurde eingespart, dieses Geld wird nun 2018 verwendet. Pachl bleibt optimistisch. Wegen der Novelle. Und es werden sich weitere Tiroler sanieren können, die bisher wegen der Mindestquote eben nicht sanierbar waren: Unternehmer mit sehr hohen Schulden, und – auf der anderen Seite – Geringverdiener, wie Pensionistinnen oder Alleinerzieherinnen. (ver)