Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 03.04.2018


Standort Tirol

Touristiker stecken Millionen in digitale Unabhängigkeit

TVBs und Seilbahner investieren Millionen in die Digitalisierung, um die Abhängigkeit von Buchungsplattformen und Suchmaschinen zu verringern. Experten fordern mehr Zusammenarbeit.

© iStockDie Tiroler Seilbahnunternehmen haben laut dem Fachverband rund 200 Mio. Euro in „Softskills“ wie WLAN und Fotopoints investiert.



Von Stefan Eckerieder

Innsbruck, Mayrhofen – Mit Millionen-Investitionen in Digitalisierung wollen die Tiroler Tourismusbetriebe die Abhängigkeit von Buchungsplattformen verringern. Damit soll vor allem mehr Geld in der Region bleiben.

Obwohl der Tiroler Tourismus mit rund 19 Millionen Nächtigungen und einem Plus von 5,6 Prozent von November bis Ende Februar zum Vorjahr in der heurigen Wintersaison auf einen Top-Wert zusteuert, klagen viele Touristiker über eine zu geringe Wertschöpfung. Derzeit werden in einigen Tiroler Tourismusregionen neue Technologien getestet, die das ändern sollen. „Diese haben in jedem Fall das Potenzial, die Wertschöpfung zu steigern“, sagt Andreas Lackner, Geschäftsführer des Tourismusverbandes Mayrhofen.

Die heimischen Touristiker investieren daher derzeit massiv in die Digitalisierung. Alleine der TVB Mayrhofen hat für diesen Bereich ein Zusatzbudget von 450.000 Euro jährlich. Aktuell wird dort ein System getestet, das alle Buchungsdaten der Beherbergungsbetriebe und Gäste aggregiert und verwertbar macht. „Die Daten, die wir haben, müssen wir besser nutzen“, sagt der TVB-Chef. Damit wird es etwa möglich, über Monate im Voraus die Auslastung der Unterkünfte vorherzusagen. Die Gästedaten seien anonymisiert, betont der Touristiker.

Die Auslastungsdaten könnten die Hoteliers unter anderem bei der Preisgestaltung unterstützen. „Das System zeigt etwa an, dass ein Zimmer in 4-Stern-Kategorie derzeit 87 Euro kostet, ein Hotel derzeit aber nur 79 Euro verlangt. Diesem können wir dann mitteilen, dass es mit dem Preis ruhig hinaufgehen kann. Der Vergleich hat bisher gefehlt“, sagt Lackner. Aber auch bei der Onlinebuchung würden oft drei bis vier Euro Unterschied darüber entscheiden, ob man ins Geschäft kommt oder nicht.

Profitieren könne aber auch die Gemeinde, erklärt der Touristiker: „Bei starker Auslastung können extra Skibusse eingeschoben, bei geringerer Auslastung Busse eingespart werden.“ Auch die Auslastung von Skischulen könne vorausgesagt werden, was diesen bei der Personalplanung helfe. Mit den Daten könne man zudem in den Herkunftsländern der Gäste gezielter in Online- oder Printmedien werben.

„Big Data“ soll Gäste bringen

Die nationale Tourismusmarketing Organisation Österreich Werbung (ÖW) erstellt derzeit eine Datenbank über die Gäste der heimischen Tourismusbetriebe. „Anonymisiert, wie sich versteht", erklärten die Tourismus-Werber im Herbst bei der Vorstellung der Digitalisierungsstrategie für den Tourismus für die kommenden fünf Jahre. Jährlich sollen zwei Millionen Euro in die Erstellung des Datenhubs fließen. Kernpunkt dabei ist die stärkere Verwendung von Daten wie Buchungsströme der Gäste. „Big Data" wird zum zentralen Schlagwort im Tourismus. Die heimischen Tourismusverbände sind deshalb zur Zusammenarbeit aufgerufen, denn sie sollen dafür die Daten ihrer Gäste zur Verfügung stellen. Unter anderem soll damit gezielter in den Herkunftsmärkten geworben werden. Zusätzliches Geld soll auch in die entsprechende Infrastruktur — also schnelles Internet — und die Schulung von Mitarbeitern in den neuen Technologien fließen. (ecke, APA)

Bislang habe man die Daten von Onlinekonzernen für viel Geld zukaufen müssen. Mit der neuen Datenbank seien die Touristiker „nicht mehr abhängig von anderen“. Lackner würde die Ausrollung eines solchen Systems auf ganz Tirol begrüßen. Gespräche gebe es bereits. „Ziel muss sein, solche Investitionen gemeinsam zu machen“, fordert der TVB-Chef bei aller Konkurrenz auch Kooperation: „Digitalisierung heißt Zusammenarbeit.“

Um die Zusammenarbeit zu intensivieren, wurde eine Arbeitsgruppe Digitalisierung eingerichtet, an der alle Tiroler TVBs teilnehmen, berichtet der heimische Toursimusvermarkter Tirol Werbung. Gemeinsam sollen Pilotprojekte umgesetzt werden. Aktuell werde bereits an einer Sprachsteuerung sowie an der Verknüpfung von öffentlichen Verkehrsdaten mit Ausflugszielen gearbeitet. Umgesetzt wurde bereits die tirolweite Vernetzung von Geodaten, die etwa für die Erstellung digitaler Landkarten verwendet werde.

In der Zeit von Smartphones und Social Media investieren auch die Seilbahnunternehmen. 2017 flossen tirolweit rund 200 Mio. Euro in flächendeckendes WLAN auf den Pisten, Fotopoints und Co., berichtet der Fachverband.