Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 29.04.2018


Standort Tirol

24 Stunden in Tirol: Gäste aus China im Sightseeing-Stress

Nur 1,1 Tage verbringt der Durchschnittstourist aus China in Tirol. Die Begeisterung über die grünen Wiesen, „Märchenorte“ und die gute Luft ist groß. Wir haben eine Gruppe aus Sichuan getroffen.

© SillerJundan Luo (vorne Mitte) mit ihrer chinesischen Reisegruppe vor der Abreise aus Götzens. In elf Tagen sind sie durch halb Europa gefahren.



Von Kathrin Siller

Innsbruck, Götzens – Jundan Luo ist außer Atem. Die zierliche Reiseleiterin hat sich verspätet und ihre Gruppe aus der südwestchinesischen Provinz Sichuan wartet schon im Bus. Die 40-jährige Chinesin begleitet ihre Landsleute seit zehn Tagen durch Europa. Die vergangene Nacht haben sie in einem Hotel in Götzens verbracht. „Wir sind gestern spät aus Italien gekommen. Nach Rom, Florenz und Venedig wollen alle“, berichtet sie in bestem Englisch. Diesen Wunsch teilen sie mit vielen anderen Chinesen.

Laut Florian Neuner von der Tirol Werbung verzeichnete Tirol im Tourismusjahr 2016/17 seitens der Chinesen 315.000 Ankünfte und 342.000 Nächtigungen, bei den wichtigsten Märkten belegt China mit 0,7 Prozent aber nur den 13. Platz.

Die meisten bleiben nicht länger als eine Nacht und einen halben Tag und sehen Tirol eher als Durchreiseland. Schön finden sie es trotzdem, sagt Luo und fragt ihre Gruppe durchs Mikrofon nach ihren Eindrücken: „Für sie sind die kleinen Dörfer wie Märchenorte. Die gute Luft, die Ruhe, das beeindruckt sie am meisten.“

Aber nicht jeder ist gleich. „Die Naturfreunde lieben die Schweiz und Österreich, die Modebegeisterten wollen nach Paris und Rom ist der Traum aller Geschichte­interessierten“, sagt Luo. Für die elegante Dame mit dem violetten Hut in der dritten Busreihe war Italiens Hauptstadt aber aus einem anderen Grund der Höhepunkt: „Ihre Tochter studiert in Rom und sie hat sie dort nach Monaten wieder getroffen“, erzählt Luo über das bewegende Treffen.

Elf Tage dauert der Gruppen-Busmarathon durch Europa. 2000 Euro – all-inclusive – legten die Touristen aus dem Reich der Mitte dafür auf den Tisch. Sie steigen dabei wie andere chinesische Gruppen vorwiegend in Zwei- und Drei-Sterne-Hotels ab, die ihre Wünsche kennen. Wasserkocher, Zahnbürsten und Zahnpasta liegen daher bereit.

Eine Hotelierin aus dem Bezirk Innsbruck-Land, die namentlich nicht genannt werden möchte, erzählt, dass die Chinesen ihre eigenen Tees und Suppen mitbringen und heißes Wasser daher kostenlos zur Verfügung gestellt wird. „Sie stehen massiv unter Zeitdruck und bereiten sich daher abends gerne die Suppen in ihren Zimmern zu. Wenn sie essen gehen, dann oft chinesisch, aber auch Tirolerisches wie einen Schweinsbraten mögen sie gerne.“

Immer wieder aber werde sie aufgrund ihrer Kundschaft angefeindet: „Die Gäste haben eine Riesenfreude, wenn sie eine grüne Wiese sehen. Kaum stehen sie einen halben Meter drinnen und fotografieren, bekomme ich verärgerte Anrufe.“ Verstehen könne sie das nicht: Sie seien schließlich auch ein Wirtschaftsfaktor, zahlen Ortstaxe und verhalten sich meist völlig unauffällig.

Die Angebote der Hotels können sie aus zeitlichen Gründen gar nicht nützen. Nur beim Frühstück würden sie ordentlich zulangen: „Auch Salat mit Erdbeerjoghurt drüber, sie kennen das ja nicht.“ Viele Hotels bieten als warmes Frühstück auch eine Art Grießbrei an.

Fixpunkte des Kurzbesuchs sind das Goldene Dachl, die Nordkette, das Swarovskigeschäft in der Altstadt oder die Kristallwelten. Die Marke ist in China sehr begehrt. Für chinesische Gäste sei es chic und prestigeträchtig, an den Ursprung dieser Marke zu kommen und dort einzukaufen, heißt es auf Anfrage. Chinesisch sprechende Mitarbeiter seien vor Ort. Im September 2017 führten die Swarovski Kristallwelten sogar Alipay sein, das wichtigste mobile Bezahlsystem China­s.

Zurück zu Luo und ihrer Gruppe: Die Reiseleiterin wird langsam nervös, auch der polnische Busfahrer drängt. Man müsse den Zeitplan einhalten. Den Vormittag hat die Gruppe zur freien Verfügung in Innsbruck. Für das Mittagessen sind mehrere Tische in einem chinesischen Restaurant reserviert. „Und morgen fliegen wir ab Frankfurt wieder nach Hause.“ Klingt nach Urlaubsstress. „Ach, wissen Sie, die meisten von ihnen kommen nur einmal in ihrem Leben nach Europa. Da wollen sie eben so viel wie möglich sehen.“

Mit der Nordkettenbahn ging es für die Reisegruppe ins Gebirge.
- Nordkettenbahn

Chinesische Touristen in Tirol

In den vergangenen zehn Jahren sind die Ankünfte chinesischer Gäste um 399 Prozent gestiegen, die Nächtigungen um 395 Prozent – allerdings ausgehend von einem niedrigen Niveau.

Die stärksten Reisemonate sind Juli und August. 62 Prozent der insgesamt 342.000 Nächtigungen entfallen auf die Sommersaison. 30.000 Nächtigungen gibt es im April, dem stärkstem Wintermonat.

Die durchschnittliche Aufenthaltsdauert beträgt nur 1,1 Tage (der durchschnittliche Tirol-Gast bleibt 4,1 Tage).

Die Gruppenreisen werden von Reiseveranstaltern organisiert, die Zwei- und Drei-Sterne-Hotels buchen. Die wenigen Individualtouristen nächtigen eher in Unterkünften mit vier und fünf Sternen.

Das chinesische Gast gibt pro Tag im Durchschnitt 229 Euro aus (vor allem beim Shopping), bei den anderen Touristen sind es bloß 101 Euro.

Was viele Chinesen sehen wollen: Innsbruck von oben und das Goldene Dachl.
- Thomas Boehm / TT