Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 02.05.2018


Vortrag

„Verurteilung entspricht meinem Charakter“

Thomas Middelhoff, Ex-Bertelsmann- und Arcandor-Vorstand, im Gefängnis wegen Untreue, spricht über seine Läuterung.

© Der verurteilte Ex-Manager Thomas Middelhoff spricht über sich.Foto: MCI/Koller



Von Verena Langegger

Innsbruck – Zum ersten Mal habe er Zeit gehabt, durch Innsbruck zu spazieren, erzählt Thomas Middelhoff. Als Vorstandsvorsitzender des Medienkonzerns Bertelsmann AG und der Arcandor AG sei für Stadtbesichtigungen keine Zeit gewesen, 90-Stunden-Wochen seien in diesen Jobs „normal“.

Middelhoff war nicht nur ein erfolgreicher deutscher Manager, Middelhoff wurde auch wegen Untreue in 27 Fällen und Steuerhinterziehung im November 2014 zu drei Jahren Haft verurteilt. Am 16. November 2017 wurde er vorzeitig entlassen. Über sein „persönliches Erleben“ spricht er vor Studierenden des MCI, also vor künftigen Geschäftsführern und Managern. „Dass es zu dieser Verurteilung gekommen ist, entspricht meinem Charakter“, sagt der 64-Jährige. und es gebe durchaus Kriterien, um zu erkennen, ob man als Manager auf die schiefe Bahn geraten könnte. Er selbst sei „zu abgehoben gewesen“. Kollegen als „Pfeifen“ und „nur sich selbst als allwissend“ anzusehen, sei etwa ein Indiz für „Allmachtsphantasien“. „Man muss immer wieder kontrollieren, ob man geerdet ist“, empfiehlt Middelhoff. Und er erzählt, dass er selbst Entscheidungen zu gerne allein getroffen habe, obwohl er auch seine Vorstandskollegen einbeziehen hätte können. Eine dieser allein getroffenen Entscheidungen habe zur Verurteilung beigetragen. Er sei bei Arcandor zeichnungsberechtigt bis zur Summe von 500.000 Euro gewesen und habe eine Festschrift für seinen Vorgänger um etwa diese Summe allein in Auftrag gegeben, das Gericht warf ihm vor, diese als Privatperson bestellt zu haben.

Apropos abgehoben: Wegen einer Baustelle und möglichen Staus hat Middelhoff sich – laut Anklage – mindestens 28-mal vom Wohnsitz in die Firma fliegen lassen. Im Gefängnis habe er dann begonnen nachzudenken, sei in sich gegangen und drauf gekommen, dass er „zu wenig Charakter“ für die Chefetage gehabt habe. Und dass er die Macht zu sehr geliebt habe. Er denke gerne an seine Karriere zurück, – er habe die deutsche Wiedervereinigung erlebt, den Aufbau des Internets mit der Entwicklung von AOL mitgestaltet und am Private-Equity-Sektor Geld gemacht.

Während seines Wirtschaftsstudiums habe er sich zwei Berufswege vorstellen können, ein Unternehmen zu leiten, aber auch, Bücher zu schreiben. Und das mache er nun, er schreibe Bücher und halte Vorträge. Derzeit gehe es gut, ähnlich wie damals, als er wichtige Deals abgeschlossen habe. Angst, wieder in den „Macht-Flow“ reinzukippen, habe er nicht. Obwohl: „Freunde“ hätten sich gedacht, dass er doch von Venture Capital auch einige Ahnung habe, aber viel wolle er da nicht machen. Aus Selbstschutz: Sein Alter Ego halte ihn zurück, um zu reflektieren. Dieses Alter Ego dürfte also auch künftig beschäftigt bleiben.