Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 07.05.2018


Standort Tirol

„Wir wollen Technologie intelligenter machen“

Das Start-up Swarm Analytics arbeitet für den Tiroler Konzern Swarco an einem neuen System zur Bilddaten-Auswertung im öffentlichen Bereich.

© dpaSymbolbild



Innsbruck, Wattens — Die größte Herausforderung in der immer schneller werdenden Digitalisierung liegt in neuen Geschäftsmodellen. Das weiß man auch bei Swarco in Wattens. Der Konzern mit seinen 75 Firmen ist als Ampelhersteller Weltmarktführer und hat bei Straßenmarkierungen eine weltweit führende Position. Bereits 2016 übernahm Swarco mit der US-Firma McCain eines der führenden Unternehmen für intelligente Verkehrssysteme im urbanen Bereich. Nun kooperiert die Firma mit dem Start-up Swarm Analytics.

Die Gründer der Firma, Georg Westner und Michael Bredehorn, haben eine Technologie entwickelt, die es ermöglicht, Bilddaten direkt in der Kamera auszuwerten. „Derzeit liefern Kameras Bilder via Internet auf große Server oder in die Cloud. Da es sich aber um Bilddaten von Menschen handelt, hat man schnell ein Privacy-Problem", erklärt Bredehorn. Das zweite Problem seien die riesigen Datenmengen, die anfallen und verarbeitet werden müssen. Das System von Swarm Analytics überträgt hingegen nur noch die Ergebnisse und die Interpretation der Bilddaten. „Unser Ziel ist es, dumme Überwachungskameras und andere visuelle Quellen intelligenter zu machen", so Bredehorn.

In einem ersten Projekt, das derzeit vorbereitet wird, sollen nun Kameras in Bussen angezapft werden, die Swarco für verschiedene Öffi-Betreiber betreut, um Informationen über Fahrgastaufkommen und Auslastung zu generieren, die es den Betreibern ermöglichen sollen, schnell und effizient strategische Entscheidungen treffen zu können.

Das Fahrgastaufkommen sei aber nur ein Einsatzgebiet im Verkehr, weitere Möglichkeiten sehen die zwei Gründer im Bereich Verkehrsfluss und Ampelschaltung, es gebe aber auch weitere Anwendungsmöglichkeiten wie Smart City oder im industriellen Bereich. „Wir sehen unseren Vorteil gegenüber bereits bestehenden Systemen aber auch in der Möglichkeit, dass sich für Unternehmen über unser System ganz neue Geschäftsfelder erschließen", so Bredehorn. Das sieht man bei Swarco genauso (siehe Interview unten). „Wir agieren in einer sich rasch verändernden Welt, wo Innovationen durch Partnerschaften, auch mit branchenfremden Unternehmen, entstehen", betont Swarco-Unternehmenssprecher Richard Neumann. Die Kooperation mit Start-ups sei hier ein Weg, rascher als üblich zu innovativen Ergebnissen zu kommen.

Über den finanziellen Rahmen will man bei Swarco und Swarm Analytics allerdings noch nicht sprechen. Das sei derzeit noch Gegenstand von Verhandlungen, so Bredehorn. (hu)

„Tirol hat viel Know-how im IT-Bereich"

Digitalisierung ist in aller Munde, aber was bedeutet das für Ihr Unternehmen?

Richard Neumann: Modernes Verkehrsmanagement funktioniert heute mittels Erfassung von Daten aus der Verkehrsinfrastruktur, wie Verkehrszählungen, Fahrzeugdetektion und -klassifizierung, Abstandsermittlung oder auch Umwelt- und Wetterdatenerfassung. Auf der Basis digitalisierter Daten aus der Verkehrsinfrastruktur errechnen Softwaremodelle dann zum Beispiel, wie Ampeln an Kreuzungen zu schalten sind, um die grüne Welle zu garantieren oder Vorrang für den öffentlichen Nahverkehr zu geben, oder weisen den Weg zum nächsten freien Parkplatz mit Lademöglichkeit für ein Elektroauto.

Swarco-Unternehmenssprecher Richard Neumann.
- Swarco

Inwieweit verändert das Ihr ursprüngliches Geschäftsmodell?

Neumann: Grundsätzlich bleiben bei aller Digitalisierung Straßenmarkierungen ein unverzichtbares Mittel, um das teil- oder vollautomatisierte Fahren der nahen Zukunft zu unterstützen. Neue Geschäftsmodelle sind unter anderem „Software as a Service" oder „Traffic Management as a Service". Statt in teure Hard- und Software zu investieren, kann der Betreiber von Verkehrsinfrastruktur das Verkehrsmanagement unserer Firma als Dienstleistung aus der Cloud bekommen. Die Digitalisierung im Verkehr bleibt eine Herausforderung für uns. So werden Daten aus traditionellen Detektionseinrichtungen wie Induktionsschleifen zunehmend durch Daten aus vernetzten Fahrzeugen ergänzt. Wir arbeiten daher auch eng mit der Automobilindustrie zusammen.

Wie beurteilen Sie in diesem Kontext den Standort Tirol?

Neumann: Swarco betreibt F&E-Arbeit firmenübergreifend und international im Konzern. Es zeigt sich immer wieder, dass gerade auch in Tirol tolles Know-how im IT-Bereich vorhanden ist. So haben wir jüngst mit einem Tiroler Unternehmen eine Virtual-Reality-Experience für unsere Messen und Schauräume erarbeitet und umgesetzt. Die Kooperation mit Inkubatoren wie der Werkstätte Wattens ist ebenfalls ein Indiz für sich gut entwickelnde Kompetenz im Zeitalter der Digitalisierung.

Wo sieht Swarco Aufholbedarf bzw. was braucht es, um als „Technologie-Standort" reüssieren zu können?

Neumann: Das Tourismusland Tirol ist nicht zuletzt auch durch die Arbeit der Standortagentur Tirol längst als Technologiestandort positioniert. Man denke nur an die zahlreichen versteckten oder auch weniger versteckten Champions, die in ihren Bereichen Weltmarktführerstatus erlangt haben. Wichtig für den Standort-Erfolg sind funktionierende Infrastrukturen, High-Speed-Internetanbindung und die Aufrechterhaltung der Lebensqualität generell, um im Wettbewerb mit Metropolen wie München oder Wien bestehen zu können.

Wie sieht die Situation im Bereich „Fachkräfte-Bedarf" für Swarco aus?

Neumann: Man hat in letzter Zeit verstärkt Aktivitäten gesetzt, um sich als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren, sei es über diverse Social-Media-Plattformen oder durch die Teilnahme an Karrieremessen. Es wird schwieriger, geeignetes Personal zu finden. Unsere Jobprofile sind zum Teil sehr spezifisch, vor allem im Bereich IT oder in der Forschung und Entwicklung. Neben hohen Spezialisierungsgraden braucht es auch Generalisten, die vernetzt denken und das Zusammenspiel der verschiedenen Verkehrsträger analysieren und gestalten können. Die richtigen Köpfe am richtigen Ort zu haben wird auch künftig entscheidend sein, um die Nase vorn zu haben in einer sich teils dramatisch verändernden Wettbewerbssituation.

Das Interview führte Hugo Müllner