Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 09.05.2018


Exklusiv

Tourismusrekorde „weder erwartbar noch gewünscht“

Das Bettenangebot im Tiroler Tourismus sinkt etwas, die Auslastung steigt. Laut Experten gibt es aber noch immer zu viel Mittelmaß.

© Andreas RottensteinerDie Kalkkögel von der Axamer Lizum aus gesehen.



Von Alois Vahrner

Innsbruck – Die Ende April zu Ende gegangene Wintersaison hat Tirol (endgültige Zahlen liegen noch nicht vor) mit wohl über 27 Millionen einen neuen Nächtigungsrekord beschert. Das sei Folge des Traumwinters mit tollen Schneebedingungen, aber wohl nicht mehr leicht wiederholbar. Die Landespolitik will nach der Abfuhr bei der Olympia-Volksbefragung von „Nächtigungsrekorden“ ohnehin wenig hören. Diese seien aber künftig ohnehin „weder erwartbar noch gewünscht“, betonen der Vorsitzende des Tirol Tourism Boards und Obmann des Tourismusverbandes Serfaus-Fiss-Ladis, Franz Tschiderer, sowie der Leiter des MCI Tourismus, Hubert Siller, gegenüber der TT. Im Winter sei mit den 27 Mio. Nächtigungen wohl der Plafond erreicht, im Sommer liege man mit etwa 22 Mio. noch immer 10 Prozent unter den Höchstwerten Anfang der 1990er-Jahre – und dies dürfte eine Obergrenze des Machbaren sein, habe man es doch gerade im Sommer mit übermächtiger Konkurrenz von Sonne, Sand und Meer inklusive der boomenden Kreuzfahrtbranche zu tun.

„Overtourism“, also eine massive Überbelastung wie in manchen Zentren wie Venedig, Mallorca oder Barcelona, gebe es in Tirol nicht, sagt Siller. In Summe seien die 12 Mio. Tirol-Urlauber auch nur für 3 bis 5 Prozent des Verkehrsaufkommens verantwortlich, ein Problem seien aber die Spitzenzeiten am Wochenende.

Laut Tschiderer steigt die Anzahl der Tourismusbetten in Tirol schon seit längerer Zeit nicht mehr. Vom Höchstwert von 400.000 Betten sei man mit heute 330.000 weit entfernt, in den letzten zehn Jahren sei das Bettenangebot im Winter um 4,4 und im Sommer um 1,1 Prozent gesunken. „In 21 von 34 Tourismusverbänden ging die Bettenzahl zurück.“

Weit entscheidender als Nächtigungszahlen seien die Auslastung und die Wertschöpfung. Im Durchschnitt gebe es in Tirol nur 139 Vollbelegstage, wobei der Achensee mit 189 Tagen Spitzenreiter sei, Innsbruck mit 177 und Serfaus-Fiss-Ladis mit über 170 dahinter. Der Umsatz pro Bett steige jährlich real nur um 1 bis 1,5 Prozent, der Durchschnittsumsatz pro Bett und Nacht mache nur etwas mehr als 60 Euro aus, betont Siller. „Wir haben noch immer zu viel Durchschnitt.“ Neun der elf umsatzstärksten Tourismusverbände (Ausnahmen Innsbruck und Achensee) leben vor allem vom Skiurlaub – und diese Regionen (zweiter Treiber seien Spitzenhotels) hätten nicht nur vielfach die höheren Wachstumsraten, sie könnten sich dann auch Investitionen in neue Angebote für den Sommertourismus eher leisten.

Der Tourismus habe in den letzten Jahren gerade auch in Tirol Tausende neue Arbeitsplätze zusätzlich geschaffen. Die Engpässe würden sich wegen der Demografie und der nicht zu verhindernden Rahmenbedingungen (Arbeit auch am Wochenende und spätabends) noch weiter zuspitzen. Ein flächendeckend dienstleistungsintensives Angebot werde so nicht möglich sein. Die beiden Tourismusexperten prophezeien daher auf Sicht eine viel stärkere Zweiteilung des Angebots in personalintensive, teure Top-Hotellerie und preisgünstigere Angebote mit wenig Personal: neben Ferienwohnungen auch viel mehr Self-Service-Angebote mit entsprechend wenig Dienstleistung.

Symbolfoto.
- Thomas Böhm