Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 26.05.2018


Innsbruck-Land

Jeder Kopf findet in Hall einen Deckel

Passt nicht? Gibt’s im Haller Hutgeschäft von Franz Lintner nicht. Er findet für jeden Kopf die passende Bedeckung, sogar für US-Sängerin Pink und Ex-Bundespräsident Heinz Fischer.

© TT/Julia Hammerle



Von Deborah Darnhofer

Hall i. T. – Die Fülle an Farben und Formen lässt sich hier garantiert nicht unter einen Hut bringen. Davon gibt es in dem kleinen Geschäft in der Haller Altstadt einfach viel zu viele. Bis zur Decke stapeln sich die Hüte von Franz Lintner.

Beim Betreten fällt man fast über vollgefüllte Kisten. An der Wand hängen mondäne und gleichzeitig filigrane Damenhüte, wie sie bei der königlichen Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle in Windsor gesichtet wurden. Am Tresen sind sportliche Kappen, elegante Borsalinos und Panama-Hüte aufgelegt. In einem Regal warten Alm-, Western- und Fischerhüte auf einen Abnehmer.

Gut behütete Tradition: Franz Lintner verleiht einem Wipptaler Trachtenhut den letzten Feinschliff.
- TT/Julia Hammerle

„Es gibt wohl in ganz Österreich kein anderes Hutgeschäft, das so viele Modelle hat“, meint Lintner stolzerfüllt. Sein Sortiment mag für manche überbordend sein. Doch Lintner hat stets ein Auge, welche Hutform zu welchem Gesicht passt und will seine Kunden mit „viel Fingerspitzengefühl“ beraten. „Ich traue mich aber auch zu sagen: ,Das steht Ihnen nicht‘“, erzählt er. Dank ihm soll schließlich jeder Kopf den passenden „Deckel“ finden. Denn Hüte könne jedermann und -frau tragen.

Aus dem imaginären Hut zaubert er sodann prominente Klienten. „Popsängerin Pink war vor einigen Jahren bei mir im Geschäft in Hall. Sie zeigte sich total begeistert und kaufte gleich einen ganzen Sack voll Hüte.“ Auch der ehemalige Bundespräsident Heinz Fischer wurde bei ihm fündig, erklärt der gebürtige Waldviertler in seinem weichen, niederösterreichischen Dialekt, den er auch fern der Heimat nie abgelegt hat. Bei der Geschäftsübernahme 1998 hätten die Haller noch abschätzig gemeint: „Der Wiener ist da.“ Mittlerweile ist er aber akzeptiert und stadtbekannt. Das gelang ihm unter anderem mit Hilfe des ehemaligen Wirts vom Gasthof Aniser, erinnert sich Lintner.

Westernhüte aus Leder (l.) verkauft Lintner ebenso wie bunte Damenhüte, die teilweise seine Frau entwirft.
- TT/Julia Hammerle

Das Gasthaus hat mittlerweile ein anderer übernommen. Das kleine, übervolle Hutgeschäft in der Rosengasse scheint aus Hall jedoch nicht mehr wegzudenken. Heuer begeht Lintner dort sein 20-Jahr-Firmenjubiläum und er kann gleich mehrfach feiern. Am 4. Juni steht sein 60. Geburtstag ins Haus und vor 35 Jahren erwarb er zusammen mit seiner Frau Brigitte, einer Schneidermeisterin, die Mützenfabrik Fischler in Wien.

Dort fertigen Mitarbeiter neben modischen Kopfbedeckungen vor allem Trachtenhüte in tagelanger Handarbeit, die würden mittlerweile das Hauptgeschäft ausmachen. Zum Beweis liegen auf der Ladentheke in Hall ein gelber Hut der Wipptaler Tracht, das schnörkellose, schwarze Zillertaler Pendant mit niedrigem Stumpf und ein runder Knappenhut. Allesamt Zeugnisse aus vergangenen Tagen. Doch die Tradition wird bei Lintner lebendig gehalten, gut behütet sozusagen.

„Viele Hüte werden aus feinem Hasenhaar und Wolle gefertigt“, klärt der Experte auf, der sich einst zum technischen Zeichner und Lokführer ausbilden ließ. „So sind sie wetterfest und halten bei guter Pflege bis zu 30 Jahre.“ Mit den robusten Exemplaren pendelt Lintner zwischen Hall und der Bundeshauptstadt. Denn im dritten Wiener Gemeindebezirk hat er ein weiteres Hutgeschäft.

Viele dieser Art gibt es zwar nicht mehr. Im Zillertal ist das Hutmachen laut dem Heimat- und Museumsverein Fügen schon in den 1960er-Jahren ausgestorben. Doch Lintner beantwortet Zukunftsfragen mit Optimismus. Geschätzte 30 bis 50 Hüte verkaufe er noch jede Woche. „Ein Hut ist nie altmodisch. Viele Junge kaufen jetzt wieder Hüte“, ist er begeistert.

- TT/Julia Hammerle

So genannte Trilby-Hüte, die schon sein Großvater getragen habe, seien gerade gefragt. Die Modemacher machen es vor und schicken, wie im TT-Magazin berichtet, Männer wie Frauen mit allerlei Hüten auf die Laufstege.

Nichtsdestotrotz drohe das Handwerk auszusterben, berichtet der bald 60-Jährige. Dass es kaum Nachwuchs gebe und der Beruf „Modist“ (Hutmacher) nicht mehr gelehrt werde, stimme ihn traurig. Eigene Nachfolgesorgen hat Lintner hingegen keine. Sein 33-jähriger „Junior“, wie Lintner seinen Sohn nennt, arbeitet mittlerweile hauptsächlich im Haller Hutgeschäft. Er müsse sich allerdings erst „ins Fach einarbeiten“. Bis er, wie der Senior, zu den zahlreichen Hüten auch alle Geschichten kennt, werde es dauern. Für Lintner ist das kein Problem.

„Ans Aufhören denke ich nicht. Mein Herz hängt am Hutgeschäft. Ich bin auch nicht auf Gewinn bedacht, es ist eher ein geliebtes Hobby von mir“, sagt der bald 60-Jährige. In seiner Freizeit gibt er sich übrigens am liebsten leger und trägt Schildkappen, angenehm seien die.