Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 29.05.2018


Bezirk Reutte

Bauern wittern Chance in stärkerer Direktvermarktung

Ohne Zuerwerb ist Landwirtschaft im Bezirk kaum möglich. Weichen für eine neue Schlachtstätte mit Verarbeitung und Vertrieb sind gestellt.

© LK Tirol/HaaserFranz Dengg jun. erläuterte, wie Hotellerie und landwirtschaftlicher Betrieb ineinandergreifen und damit Vorteile für alle entstehen.Foto: LK Tirol/Haaser



Lermoos, Reutte – „Das Außerfern hat eine Gesamtfläche von 124.000 Hektar – 15.000 davon werden landwirtschaftlich als Grünland genutzt. In dieser Zahl sind die rund 8000 Hektar Almfutterfläche berücksichtigt. Dies wiederum bildet die Futterfläche für ca. 5000 Rinder, 3600 Schafe, 3400 Geflügel, 750 Pferde und 500 Ziegen“, gab Christian Angerer, Bezirksobmann der Landwirtschaftskammer, der Spitze der Tiroler Landwirtschaftskammer (LK) kürzlich einen kurzen Überblick über die Landwirtschaft im Bezirk Reutte. Für die milchverarbeitenden Betriebe sei der Bezirk mit der Molkerei Wildberg, der Käserei Biedermann und der Sennerei Sojer sowie ein paar Almsennereien gut aufgestellt.

Diese Zahlen bringen laut Angerer zwei Fakten klar zum Ausdruck: zum einen, unter welchen Rahmenbedingungen die Bauern im Außerfern als Berggebiet wirtschaften können und müssen, und zum anderen den Unterschied in der Futtergrundlage – mit reinem Grünland – im Gegensatz zu den Gunstgebieten (Ackerbau) im Inntal bzw. Allgäu. „Das hat natürlich zur Folge, dass die Landwirtschaft im Bezirk großteils mit Zuerwerb – zum Beispiel Maschinenring oder Urlaub am Bauernhof – beziehungsweise im Nebenerwerb geführt wird“, sagt Angerer.

Trotzdem tue sich etwas im Bezirk. Ganz dem heurigen LK-Motto ‚Vernetzung‘ geschuldet, haben die Regionalentwicklung Außerfern, die Wirtschaftskammer Reutte, die Gemeindegut Agrargemeinschaft Ehenbichl, der Maschinenring, Eurogast Speckbacher und die Bezirkslandwirtschaftskammer Reutte im Jänner das gemeinsame Projekt „gewerbliche Schlachtstätte mit Verarbeitung und Vertrieb“ gestartet. „Der erste Schritt war die Bedarfserhebung. Dabei haben die 316 viehhaltenden Betriebe mit 80 % angegeben, ‚Schlacht-Bedarf‘ und hiervon zusätzlich 60 % Bedarf an ‚Verarbeitung und Vertrieb‘ zu haben“, sagt Angerer und fügt hinzu: „Die größte Herausforderung wird es jedoch sein, möglichst zeitnah einen Metzger im Rahmen eines Gewerbes oder eines Dienstverhältnisses zu finden. Ideal wäre, wenn wir im Herbst in den vorhandenen Räumlichkeiten in Ehenbichl starten könnten.“

Über die Entwicklung hin zu mehr Regionalität freut sich besonders LK-Präsident Josef Hechenberger: „Es hat sich in den letzten Jahren viel getan, viele Initiativen wurden gegründet und viel Bewusstseinsbildung betrieben, die letztendlich auch gefruchtet hat. Dass es in den Bezirken immer mehr Kooperationen gibt, ist enorm wichtig.“

Eine branchenübergreifende Zusammenarbeit ist gerade in den ländlichen Regionen oftmals der Garant für betrieblichen Erfolg. Ein Beispiel, wie verschiedene Betriebszweige ineinandergreifen und so Vorteile für alle Beteiligten bringen, wurde anhand des Familienbetriebes Dengg in Lermoos veranschaulicht. „Neben dem Hotel betreiben wir eine eigene Landwirtschaft, einen Heumilchbetrieb. Zusätzlich haben wir Schweine und Hühner, deren Fleisch und Eier wir selbst im Hotel verbrauchen oder an unsere Partnerbetriebe im Skigebiet liefern“, erklärt Betriebsführer Franz Dengg. Dies sei eine Win-win-Situation: Gäste bekämen Top-Produkte aus der Region und auch die landwirtschaftlichen Direktvermarkter profitieren. (TT, fasi)