Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 14.06.2018


Bezirk Schwaz

Schwerer Schritt für Jugendliche

Wohin mit mir? – Das ist nur eine von vielen Fragen, die sich Jugendliche stellen. Viele tun sich schwer, ihren Weg von der Schule in eine Ausbildung zu finden. Die Schwazer Jugendcoaches greifen ihnen unter die Arme.

© FankhauserJosef Wieser, Roswitha Gutenbrunner und Vera Sokol (v. l.) helfen Jugendlichen im Bezirk beim Schritt von der Schule ins Berufsleben.Foto: Fankhauser



Von Eva-Maria Fankhauser

Schwaz – Seit Jahren verlässt Markus (Name von der Redaktion geändert) nur noch fürs Nötigste das Haus – wie etwa, wenn er „mal wieder“ zum AMS muss. Einen Job hat der Jugendliche noch nie gehabt. Nach der Schule fehlte die Orientierung und Markus (25) blieb einfach zuhause. Vorm Computer sitzend ist seine Welt in Ordnung. Jeder Schritt vor die Tür, ins reale Leben, fällt ihm schwer. Sehr schwer. Erst Jugendcoach Josef Wieser hat es geschafft, den damals 23-Jährigen regelmäßig aus dem Haus zu locken. „Seither hat sich bei mir einiges geändert. Auch wenn der Anfang schwer war“, sagt Markus.

In den vergangenen fünf Jahren haben tirolweit 10.500 Jugendliche das Gratis-Angebot des Jugendcoachings angenommen. Im Bezirk Schwaz waren es 833 Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren. Vielen fällt der Übergang von der Schule in den Beruf schwer. Die Coaches gehen auf die individuellen Bedürfnisse der Jugendlichen ein. Während die einen im hintersten Tal sich schwertun, eine Lehrstelle zu finden, da sie nicht mobil sind, haben andere mit Suchtverhalten, Schulden, familiären Problemen oder Lernschwierigkeiten zu kämpfen. „Oft fehlt ihnen der Überblick, welche Möglichkeiten man eigentlich hat, was man entwickeln oder verändern kann“, sagt Vera Sokol, Projektleiterin des Jugendcoachings in Schwaz.

„Der schwerste Schritt war für mich, wieder aus dem Haus zu gehen nach so vielen Jahren. Da hat dann die Routine sehr geholfen – regelmäßig nach Schwaz zu fahren, beraten zu werden und einen Geschmack vom Arbeitsleben zu bekommen“, erzählt Markus. Der Blick nach vorne, anstatt zurück, tat ihm gut. „Man arbeitet mit dem, was da ist, und versucht, den Jugendlichen eine Struktur zu geben“, sagt Jugendcoach Wieser. Vor dem ersten Bewerbungsgespräch war Markus sehr nervös. Bei den Schnupperterminen hat er aber gemerkt, dass die Arbeit Spaß macht. Und die Freude ist nun groß: Markus hat eine Lehrstelle gefunden.

Für Anna (Name von der Redaktion geändert) war es wichtig, dass jemand zuhört. Einfach nur zuhört. Sie besucht das Sonderpädagogische Zentrum in Schwaz und lernte dort Jugendcoach Roswitha Gutenbrunner kennen. Anna tut sich schwer, einfach drauflos zu reden, und wirkt sehr schüchtern. „Wir bieten den Jugendlichen ein Sicherheitsnetz, um dann zu sehen, wie sie von selbst Fortschritte machen und wachsen – das freut mich“, sagt Gutenbrunner. Anna entdeckt bei der Berufsorientierung ihre Stärken und blüht immer mehr auf. „Ich war schon beim Housekeeping oder habe mich bei einer Landwirtschaft um die Tiere gekümmert. Das hat mir sehr gut gefallen“, sagt Anna.

Ein Jahr lang werden die Jugendlichen in der Regel von Coaches begleitet. „Die Bedürfnisse sind sehr unterschiedlich. Uns ist es wichtig, Raum für Entscheidungen zu schaffen, damit sie rausfinden können, wer sie sind und wo ihre Stärken liegen“, sagt Gutenbrunner. Sie wünscht sich mehr Berufsorientierung in den Neuen Mittelschulen. „Oftmals sitzen Schüler auch in der falschen Schule. Da braucht es eine Umorientierung“, weiß Sokol. Auch hier kann das Jugendcoaching helfen.

Infos zum Jugendcoaching gibt es unter: www.jugendcoaching-tirol.at.