Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 17.06.2018


Tirol

Früher wurde 20-mal mehr Getreide in Tirol angebaut

Es wäre eine große Chance für viele Tiroler Bauern: Die Nachfrage nach Getreide ist viel größer als das Angebot, viele Lagen eignen sich zum Anbau. Erstmals wird Tiroler Getreide auch exportiert.

© Thomas BöhmDer Rote Tiroler Kolbendinkel wächst hervorragend im Oberland.



Von Brigitte Warenski

Innsbruck – In den Nachkriegsjahren wurde in Tirol auf 14.000 Hektar Getreide angebaut, heute liegt die Anbaufläche nur noch bei 645 Hektar. Doch die Erfolge der Getreidebauern können sich sehen lassen, wie Reinhard Egger von der Tiroler Landwirtschaftskammer stolz verkünden kann. „In rund sechs Wochen werden wir den Roten Tiroler Kolbendinkel, in den kein Weizen hineingezüchtet wurde, ernten und der geht das erste Mal in andere Bundesländer, wo er als Brotgetreide verwendet wird.“ Ebenso erfolgreich ist man mit der Fisser Imperialgerste, mit der das „Tyroler“ (Zillertal Bier) gebraut wird. Gerste wie Dinkel liefern Bauern, die zwar konventionell anbauen, sich aber verpflichtet haben, „keine chemischen Pflanzenschutzmittel zu verwenden“, sagt Egger.

Zudem wurde vergangenes Jahr das Getreidezentrum Flaurling eröffnet, das 100 Betrieben die Möglichkeit eröffnet, „ihr Getreide dort professionell verarbeiten, reinigen und trocknen zu lassen“, erzählt Egger. Davon, dass Tirol in Sachen Getreide auf dem richtigen Weg ist, ist er überzeugt. „Am Getreidemarkt ist Bewegung drinnen und wir werden auch neue Flächen erschließen. Aber wir in Tirol brauchen erst gar nicht zu versuchen, zu Marktpreisen herkömmliches Getreide anzubauen. Wir können im Ackerbau nur mit Nischenprodukten punkten und das sind die alten Sorten. Wir haben jahrelang geforscht und getestet und aus zehn Sorten haben sich diese zwei – die Imperialgerste und der Kolbendinkel – als die Produkte herauskristallisiert, auf die wir uns in Zukunft konzentrieren wollen.“

Auch die Genossenschaft Bioalpin versucht „seit über zehn Jahren in Tirol den Getreideanbau zu revitalisieren“, wie Christoph Furtschegger von Bioalpin sagt. Aktuell gibt es 24 biozertifizierte Bauern, die Dinkel, Hafer, Roggen, Gerste und Weizen anbauen und rund 200 Tonnen Getreide jährlich ernten. Auch bei Bioalpin, das die Produkte für Bio vom Berg erzeugt, setzt man auf alte Sorten. „Es werden z. B. der Obernberger Schwarzhafer und der Rote Tiroler Kolbendinkel angebaut. Wir beliefern derzeit u. a. Therese Mölk und liefern seit zwei Jahren die Gerste für das ,Tiroler Kraft‘ (Starkenberger).“ Und auch bei Bioalpin ist „die Nachfrage viel größer als das Angebot. Wir suchen laufend neue Lieferanten und empfangen alle Interessierten mit offenen Armen. Wir könnten mittelfristig – so groß wie die Anfrage ist – unsere Anbauflächen annähernd verdoppeln“, so Furtschegger.

Dass der Getreideanbau eine große Chance ist, „darauf sollte man künftig Landwirte vermehrt hinweisen“, sagt Furtschegger. „Der Getreideanbau eignet sich ideal für den Nebenerwerb, weil er nicht so betreuungsintensiv ist. Wer sich dafür entscheidet, kann sich bei uns in Kursen das nötige Wissen holen und wird auch betreut und begleitet.“ Und auch die Lagen, wo sich das Getreide wohlfühlt, sind in Tirol weit verstreut: Vom Oberland über das Stubaital, das Mittelgebirge rund um Innsbruck, das Lienzer Becken und (nur bedingt) das Unterland.

Biobauer Georg Piegger auf seinem Gerstenfeld in Sistrans.
- Bioalpin eGen