Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 20.06.2018


Bezirk Schwaz

„Keine Frage des Trauens“

Von stereotypen Rollenbildern ließen sich zwei junge Frauen bei ihrer Berufswahl nicht beeindrucken. Als Vermessungstechnikerinnen arbeiten sie in ihrem Traumjob und können sich problemlos mit Männern messen.

© TrigonosDie Vermessungstechnikerin Christine Mayerhofer.



Schwaz — Gar nicht lange überlegen und einfach machen: Das haben sich zwei Frauen aus Jenbach und Wörgl gedacht und sich für einen Job entschieden, in dem kaum Frauen arbeiten. Christine Mayerhofer (25) hat Vermessung in Wien studiert und Sabine Widauer (21) besucht gerade die Berufsschule für Vermessungstechnik. Von Grundstücken, Tunneln, Straßen bis hin zu GPS-Punkten legen sie überall Maß an. Sie sind glücklich mit ihrer Berufswahl und arbeiten in einem Schwazer Betrieb, wo vier Frauen knapp 40 Männern gegenüberstehen.

Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?

Christine Mayerhofer: Ich wollte immer in die Forschung gehen. Als ich einen Sommer an der Uni gearbeitet habe, habe ich gemerkt, dass mich das nicht so glücklich macht. Nach einem Praktikum im Bereich Vermessung war mir klar, dass ich da weiter arbeiten möchte. Da gibt's zum einen einen großen Forschungsbereich und zum anderen einen Brotberuf.

Sabine Widauer: Ich habe schon in der HTL ein paar Grundlagen zur Vermessungstechnik gelernt. Dadurch kam ich überhaupt erst auf den Beruf. Es hat mir sofort gefallen, dass man auch draußen unterwegs ist und nicht immer dasselbe macht.

Was ist das Besondere an diesem Job?

Mayerhofer: Im Vergleich zu anderen Jobs ist es sehr abwechslungsreich. Man ist drinnen und draußen, macht sehr unterschiedliche Sachen. Einmal programmiere ich etwas, dann mache ich Auswerteverfahren oder Deformationsmessungen an einem Hang, schreibe Berichte u. v. m.

Sabine Widauer
- Trigonos

Ist Vermessungstechnik ein typischer Männerberuf?

Widauer: Das würde ich nicht so sehen.

Aber ein männerdominierter Beruf?

Mayerhofer: Ja, schon. Es war früher nicht üblich, dass Frauen in technischen Berufen arbeiten. Aber es ist mir noch nie passiert, dass ich meinen Job nicht ausüben konnte, nur weil ich eine Frau bin.

Gibt es für Frauen in diesem Job Erschwernisse?

Mayerhofer: Eigentlich nicht. Ich leide manchmal unter meiner Größe — also, dass die Sachen so weit oben sind. Da haben Männer vielleicht einen Vorteil. Ich nehme mir eben einfach eine kleine Stehleiter mit in den Außendienst.

Gibt es Akzeptanzprobleme?

Mayerhofer: Meist ist es den Leuten auf der Baustelle egal, wer da kommt. Manchmal meinen sie, sie müssen zu einer Frau besonders nett sein, und ganz selten wird man komisch angeschaut. Dass man mich nicht für voll nimmt, ist mir noch nie passiert.

Trauen sich Frauen noch immer nicht recht an technische Berufe heran?

Widauer: Für mich war das keine Frage des Trauens. Es war eher die Frage: Welchen Beruf möchte ich machen?

Scheitert es bei manchen am klassischen Rollendenken?

Widauer: Das kann sein. Zudem hat man als Privatperson gar nicht so oft mit einem Vermessungstechniker zu tun. Es gibt nicht so viele, die das machen.

Mit wie vielen Frauen sitzen Sie in der Berufsschule?

Widauer: Wir sind 20 Schüler und sechs davon sind Mädchen. Das ist vergleichsmäßig schon recht viel.

Was macht für Sie die besonders glücklichen Momente im Arbeitsalltag aus?

Widauer: Wenn man weiß, dass man heute draußen arbeiten kann, während andere drinnen sitzen.

Mayerhofer: Manchmal darf man irgendwo am Berg arbeiten, um z. B. einen GPS-Punkt aufzustellen. In einer so schönen Umgebung macht das Arbeiten Spaß.

Gibt es noch weitere außergewöhnliche Arbeitsplätze?

Mayerhofer: Wir haben eine eigene Mannschaft, die die Bauvermessung im Brennerbasistunnel macht. Da durfte ich ein bisschen mithelfen, u. a. beim Erstellen des Portalnetzes, dass man am Ende im Tunnel auch zusammentrifft. Zudem haben wir vor Kurzem bei der geplanten Unterinntaltrasse ein Festpunktfeld vermessen.

Das Interview führte Eva-Maria Fankhauser




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