Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 26.06.2018


Exklusiv

Spionage in sechs Tiroler Unternehmen

Auf der Liste in Österreich abgehörter Firmen sind auch sechs Tiroler Unternehmen. Sie fordern volle Aufklärung.

© DPADer deutsche Bundesnachrichtendienst soll unter anderem die Tiroler Unternehmen Empl, Tyrolit und Sandoz ausgehorcht haben.



Innsbruck – Im Abhörskandal um den deutschen Geheimdienst sind neue Details öffentlich geworden. In der aktuellen Ausgabe des Nachrichtenmagazins Profil wurde eine Liste von 200 in Österreich abgehörten Institutionen und Unternehmen veröffentlicht, darunter auch sechs Tiroler Firmen.

„Es ist natürlich überraschend, dass man von der deutschen Seite abgehört wird. Im ersten Moment ist das nicht zu glauben“, sagt der Vorstand der Tiroler Plansee-Gruppe, Bernhard Schretter. Die Plansee-Tochter Ceratizit, früher Plansee Tizit, befindet sich ebenso auf der Liste der abgehörten Unternehmen wie der Fahrzeugbauer Empl, der Schleifmittelhersteller Tyrolit, der Fernglas- und Fernrohrproduzent Swarovski Optik, der Arzneimittelhersteller Biochemie GmbH (heute Sandoz) und der heutige Mediendienstleister kdg, der früher unter dem Namen Koch Digitaldisc GmbH CDs herstellte.

Alle Tiroler Unternehmen haben eines gemein: Sie können sich nicht erklären, wie sie auf die Abhörliste geraten sind. Schretter glaubt nicht, dass der Lauschangriff mit den geschäftlichen Beziehungen des Unternehmens zusammenhängt. Er kann sich „nur vorstellen, dass Plansee als Hochtechnologieunternehmen“ in das Visier der Bundesnachrichtendienstes (BND) geraten ist. Er erwartet sich jedenfalls „Transparenz, um für uns eine Risikoabschätzung durchführen zu können“.

Empl-Chef Joe Empl sucht ebenfalls nach möglichen Erklärungen, wie der Fahrzeugbauer auf die Spionageliste der deutschen Nachbarn gekommen sein könnte: „Ich glaube, es geht um die Kontakte, die wir weltweit haben. Auch unsere Geschäfte mit Behörden könnten der Hintergrund sein.“ Empl hat unter anderem Fahrzeuge in den Irak im Zuge des „Oil-for-Food-Programms“ geliefert. „Wir liefern aber nur Logistik- und Feuerwehrprodukte.“ Empl bezeichnet die Bespitzelung durch das Nachbarland als „unangenehm“ und wünscht sich ebenfalls „Aufklärung“.

An diese glaubt kdg-Chef Michael Hosp nicht. „Ich gehe davon aus, dass es sowieso keine Aufklärung geben wird“, sagt Hosp. Im Überwachungszeitraum habe das Unternehmen hauptsächlich Schlager-CDs produziert. Insofern könne er die Bespitzelung „nicht nachvollziehen“.

Zwischen 1999 und 2006 wurden 2000 Telefonanschlüsse in Österreich vom BND angezapft, wie Profil und die Tageszeitung Der Standard aufdeckten. Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Bundespräsident Alexander Van der Bellen fordern von der deutschen Bundesregierung „volle Aufklärung“. (ecke)