Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 12.07.2018


Bezirk Reutte

Raiba Reutte rechnet mit hoher Buße

Rückstellungen für Bußzahlungen an deutsche Steuerbehörden, Rückzahlungen an Firmenkunden aus der Negativzinsthematik und ein Kreditausfall in der Schweiz führten zu einem Bilanzverlust von 5,7 Millionen.

© Raiffeisenbank ReutteDie Herausforderungen für die Raiffeisen-Führungsriege mit Wolfgang Hechenberger (Vorstand ab 1. August), CEO Johannes Gomig, Vorstand Ralf Götz und Wolfgang Moosbrugger (Vors. Aufsichtsrat, v. l.) sind groß.



Von Helmut Mittermayr

Reutte – Ein Novum – erstmals in ihrer Geschichte muss die Raiffeisenbank Reutte auf ihre Substanz zurückgreifen, um einen Bilanzverlust von 5,7 Millionen Euro abzudecken. Bei 86 Millionen Kernkapital noch keine schwierige Übung, aber „sehr ärgerlich“, wie aus dem Reuttener Raiffeisenturm zu erfahren ist.

Dieser Tage wurde im Veranstaltungszentrum Breitenwang die Generalversammlung abgehalten. In dieser treffen sich die obersten Entscheidungsträger der Bank, die Delegierten, gewählt in den Teilmärkten Reutte, Lechtal und Zwischentoren. Jeweils ein Delegierter repräsentiert 30 der rund 2300 Miteigentümer der Bank. Was sie anlässlich des 200. Geburtstages von Friedrich Wilhelm Raiffeisen und des 120-jährigen Bestehens der Reuttener Bank zu hören bekamen, war ernst, überschießendes Wachstum ist längst vorbei.

Im Geschäftsjahr 2017 lag die Konzernbilanzsumme der Raiffeisenbank Reutte mit 655,7 Millionen Euro – u. a. wegen Umschichtung von Kundeneinlagen in Wertpapiere – um 3,7 Prozent unter dem Niveau des Vorjahres. „Mit einer leichten Steigerung des Kundengeschäftsvolumens gegenüber dem Vorjah­r auf 1,98 Milliarden wird das ungebrochene Vertrauen der Kunden in die Raiffeisenbank Reutte zum Ausdruck gebracht“, sieht Vorstandsvorsitzender Johannes Gomig durchaus auch Positives.

„Unsere größte Herausforderung liegt nach wie vor in der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank EZB“, erklärt Ralf Götz, der für das Finanz- und Risikomanagement verantwortliche Vorstand. So verfügt die Bank über hohe, speziell aus dem internationalen Private Banking resultierende Kundeneinlagen von 520 Millionen Euro, von welchen sie bisher in ihrem Einzugsgebiet nur rund 310 Millionen in Form von Krediten weitergeben konnte. Der Loan-to-Deposit-Wert, also das direkte Verhältnis zwischen Ausleihungen und Einlagen, liegt bei nur 60 Prozent. Die Differenz von rund 210 Millionen Euro muss sie zum Teil unter Inkaufnahme von Minuszinsen bei anderen Banken oder in Form von Staatsanleihen anlegen. „Hätten wir die durchschnittliche Ausleihungsquote der Banken in Westtirol, würde der Nettozinsertrag um mindestens drei Millionen höher liegen“, rechnet Gomig vor.

Die anrechenbaren Eigenmittel betragen 85,6 Millionen bzw. 20,7 % der Bemessungsgrundlage, womit die gesetzlich erforderliche Quote deutlich überschritten wird. Der Rückgang dieser Position gegenüber dem Vorjahr ist einer einmaligen Rückstellung zuzuschreiben, welche zu einem Bilanzverlust von 5,7 Millionen Euro führte.

„Wie viele Banken in Österreich, der Schweiz, in Liechtenstein und in Luxemburg ist nun auch die Raiffeisenbank Reutte gerade dabei, eine Einigung mit einer deutschen Behörde zur endgültigen Bereinigung der Geschäfte mit deutschen Anlegern in der Vergangenheit zu erzielen“, informiert Gomig über ein bereits mehr als ein Jahr laufendes Verfahren. Konkret geht es um einen Teil deutscher Anleger, welche in den vergangenen Jahrzehnten Dienstleistungen der Bank in Österreich und der Schweiz in Anspruch genommen haben und dabei ihren steuerlichen Verpflichtungen nicht oder nicht ausreichend nachgekommen sind. Diesen Anlegern wurden durch die Raiffeisenbank Reutte rechtlich einwandfrei landesübliche und neutrale Bankdienstleistungen wie beispielsweise Nummernkonten angeboten, wodurch nach deutschen Grundsätzen schon der Tatbestand der Beihilfe zur Steuerhinterziehung erfüllt worden sein kann. Nachdem das daraus resultierende Verfahren zum Zeitpunkt der Bilanzerstellung noch nicht abgeschlossen war, hat die Raiffeisenbank Reutte hierfür eine Rückstellung gebildet. „Dies ist nun der letzte Schritt zur Umsetzung einer bereits 2009 eingeleiteten konsequenten Strategie zur Prüfung der ausländischen Kundengelder – unter anderem auch auf Rechtskonformität im Heimatland der Anleger“, heißt es an der Adresse Untermarkt 3.

Ebenso hat die Raiba Reutte die Auswirkung des höchstrichterlichen Urteils zu Negativzinsen in Form einer Rückstellung bzw. einer Verbindlichkeit umfassend berücksichtigt. Hier wurde von Gerichten gerade die Frage geklärt, ob Banken bei ihrer Zinsberechnung quasi bei null stoppen durften, auch wenn der Euribor – wie aktuell – bei minus 0,37 liegt. Banken hätten daher auch unter dem mit Kunden ausgehandelten Tiefstzinssatz ihr Geld verleihen müssen – und haben es nicht getan. „Beide Faktoren führten jedenfalls zu einem Gesamtrückstellungsbetrag von fast fünf Millionen Euro und haben damit zwar das Ergebnis des Jahres 2017 maßgeblich negativ belastet, aber Substanz und gute Kapitalausstattung nur wenig tangiert“, versichert Ralf Götz. Ein großer Kreditausfall in der Schweiz führte schließlich zum Gesamtbilanzverlust von 5,7 Millionen. Der Mitarbeiterstand wurde im Jahr 2017 von 191 auf 175 reduziert. Das entspricht einem Vollzeitäquivalent von 140.

„Sehr erfreulich entwickelte sich das Firmen- und Wohnraumfinanzierungsgeschäft in der Region, konnten doch im Jahr 2017 Neukredite im Ausmaß von 60 Millionen zur Stärkung der Wirtschaftskraft gewährt werden“, ergänzt Gomig. Das Private Banking der Raiffeisenbank Reutte, welches auch sehr unter den Auswirkungen der Nullzinspolitik leidet, wurde für seine hervorragende Vermögensberatungs- und Vermögensverwaltungsqualität beim größten Test von Finanzverwaltern in Europa, dem „Elite Report“ des Handelsblattes, bereits zum 15. Mal in Folge mit dem Titel „Summa cum Laude“ ausgezeichnet.

Wolfgang Hechenberger wird, wie berichtet, seine Funktion als Vorstand bei der Raiffeisenbank Reutte am 1. August aufnehmen. Und Ralf Götz wird bekanntlich noch in diesem Jahr nach 19 erfolgreichen Jahren als Vorstand aus der Bank ausscheiden.