Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 22.07.2018


Exklusiv

Geht es der Familie gut, geht es auch der Wirtschaft gut

Knapp 500 Kinder werden in Einrichtungen von Tirols Unternehmen betreut. Da gibt es viel Luft nach oben. Erfreulich ist, dass auch mittelständische Betriebe zunehmend den Mehrwert von Familienfreundlichkeit sehen. Kreative Lösungen bleiben gefragt.

© zBetreuungseinrichtungen sind die Voraussetzung dafür, dass Arbeitskräfte nach einer Karenz früher wieder einsteigen. Foto: iStock



Von Alexandra Plank

Innsbruck – Stolz informierte WK-Präsident Jürgen Bodenseer diese Woche die Presse über das Okay der Stadt Innsbruck für den Bau einer Kinderkrippe in der Tiroler Wirtschaftskammer. Im November werden zwei Gruppen zu je zwölf Kindern in die neue Kinderkrippe im 6. Stock der Kammer einziehen. Bodenseer sieht die Interessenvertretung als Vorreiter: „Wir gehen mit gutem Beispiel voran.“

In den vergangenen Wochen war die Kinderbetreuung in Verbindung mit der Debatte um die Einführung des 12-Stunden-Tages das beherrschende innenpolitische Thema. Sabine Wiesflecker, Landesgeschäftsführerin von Frau in der Wirtschaft, erklärt dazu, dass eine funktionierende und bedarfsorientierte Kinderbetreuung der Dreh- und Angelpunkt dafür sei, dass gut ausgebildete Arbeitskräfte nach der Karenz möglichst rasch den Wiedereinstieg schaffen. „Auch die Politik ist gut beraten, hier zu investieren, weil jeder, der wieder in das Erwerbsleben einsteigt, auch wieder mehr Steuern zahlt“, erklärt Wiesflecker. Abgesehen von den öffentlichen Einrichtungen sieht sie auch die Betriebe in der Pflicht.

Wiesflecker verweist auf eine Studie zur Wirksamkeit der Familienfreundlichkeit von Betrieben, die vom Familienministerium 2015 in Auftrag gegeben wurde. Diese spricht von 23 Prozent weniger krankheitsbedingten Fehltagen, 10 Prozent geringerer Fluktuation sowie 11 Prozent höherer Mitarbeiter-Motivation. Auch die Rückkehr-Quote verbessert sich: Werden familienfreundliche Impulse gesetzt, liegt sie bei 74,3 Prozent, im Vergleich zu lediglich 60,9 Prozent bei weniger familienfreundlichen Unternehmen. Weiters werde durch durchdachte Angebote, die den Spagat zwischen Beruf und Familie erleichtern, eine um 2,37 Monate geringere Karenzdauer erzielt.

Gerade große Firmen würden auf diesem Gebiet eine Vorbildfunktion in Tirol wahrnehmen, hält Wiesflecker fest. Aber auch mittelständische Betriebe, wie die Pletzer Gruppe, hätten inzwischen den Mut, Geld für die Kinderbetreuung in die Hand zu nehmen. Einer der größten Arbeitgeber in Osttirol hat sich für ein anderes Modell entschieden. Um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern, bietet die Liebherr-Hausgeräte Lienz GmbH seit diesem Jahr Beschäftigten mit Kindern einen freiwilligen steuerfreien Zuschuss zur Kinderbetreuung an. „Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf liegt Liebherr sehr am Herzen“, macht Claudia Meindl vom Marketing klar. Am österreichischen Produktions­standort in Lienz haben Familien deshalb die Gelegenheit, einen maximalen Zuschuss von 220 Euro pro Kindergartenjahr zu erhalten.

Auch wenn sich der Arbeitgeber- und der Arbeitnehmerflügel der Tiroler VP derzeit ob des geplanten 12-Stunden-Tages nicht gerade lieb haben, um in kindlicher Sprache zu bleiben, sagt LR Beate Palfrader: „Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein gesellschaftspolitisch immens wichtiges Anliegen und hat oberste Priorität – für die Politik als auch für die Wirtschaft.“

Kompakte Infos zu Betriebskindergärten

Wie viele Firmen bieten Betriebskindergärten in Tirol an? Es werden derzeit 23 Betriebskindergärten und -krippen geführt, in welchen knapp 500 Kinder betreut werden. Rund 2800 Personalstunden werden von den Pädagoginnen geleistet.

Gibt es Richtlinien, ab welcher Größenordnung eine Betreuung angeboten werden muss? Bei der Gründung einer Kinderkrippe gilt der Bedarf für mindestens acht Kinder (maximal zwölf Kinder), bei Kindergärten und Horten der Bedarf für mindestens zehn (maximal 20 Kinder) als Orientierungswert.

Welche Förderungen gibt es seitens des Landes? Für die Betriebskindergärten gelten die gleichen Voraussetzungen und Förderungsmöglichkeiten wie für andere Kinderbetreuungseinrichtungen.

Gibt es positive Rückmeldungen seitens der Unternehmer? Diese Frage müssen Unternehmer selbst beantworten. Jedoch kann man sagen, dass durch ein Mehr an Betreuungseinrichtungen ein Mehr an Erwerbstätigkeit möglich ist. Das hat auch eine kürzlich veröffentlichte Studie bewiesen: Mit Mitteln von 80,5 Millionen Euro (davon 70 Millionen Landesmittel) wurde eine Wertschöpfung in Tirol in Höhe von 632,5 Millionen Euro generiert. Rund 14.500 Eltern war und ist es möglich, einer (erhöhten) Erwerbstätigkeit nachzugehen. Betriebskindergärten sind eine wichtige Ergänzung und unterstützen vor Ort tätige Eltern im Sinne der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.