Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 21.07.2018


Innsbruck

Die Nordkette, der geliebte Kultberg

Von der Innenstadt in Windeseile ins Hochgebirge – vor 90 Jahren nimmt die Nordkettenbahn erstmals Fahrt auf, es folgen turbulente Zeiten. Der Betreiber möchte in Zukunft mit der Bahn noch höher hinaus.

© NordkettenbahnenZum 90-Jahr-Jubiläum wurden die Gondeln der Nordkettenbahnen nun mit Sprachspielen von Wortkünstler Wilfried Schatz beklebt.



Von Denise Daum

Innsbruck – Die Innsbrucker lieben ihre Nordkette – zum Skifahren, Klettern, Wandern, Zeitverbringen oder auch einfach nur zum Anschauen. Seit genau 90 Jahren ist der charakteristische Gebirgszug von der Stadt aus in wenigen Minuten erreichbar. Im Juli 1927 beginnt der Bau der Nordkettenbahn – die 20er-Jahre sind die Pionierzeit des Seilbahnbaus. „Es herrscht ein technische Aufbruchsstimmung. Alles ist möglich und man will auch alles realisieren. Eine Zeit, in der die Natur dem Menschen untertan gemacht wird“, erklärt Roland Kubanda vom Innsbrucker Stadtarchiv, ein Kenner der Geschichte der Nordkettenbahn. Der Wintersport ist in den 20er-Jahren noch kein Motiv, um eine Bahn zu bauen. Das kommt erst ab den 1940er-Jahren auf, bis dahin huldigt man dem Sommertourismus.

Die Sonnenterrasse war immer schon ein Anziehungspunkt für Besucher.
- Nordkettenbahnen

Der Bau der Nordkettenbahn ging in Rekordzeit über die Bühne. „Zehn Pinzgauer Träger schaffen das Baumaterial vom Titschenbrunnen bis zur Seegrube rauf. Zweimal am Tag mit 70 Kilogramm“, weiß Kubanda. Der Innsbrucker Architekt Franz Baumann schreibt mit den Stationen Hungerburg, Seegrube und Hafelekar ein Stück alpine Architekturgeschichte.

Während des Stützenbaus 1927 entstand dieses schwindelerregende Foto.
- Nordkettenbahnen

Ihre wirtschaftliche Glanzzeit erlebt die Nordkettenbahn in den 50er- und 60er-Jahren. „Zu dieser Zeit wurde die Nordkette vor allem als Ausflugsberg bespielt“, weiß Thomas Schroll, Geschäftsführer der Betreibergesellschaft. Für ihn das erfolgreichste Konzept. „Deshalb war klar, dass wir uns nach dem Bau der neuen Bahn 2006 als Ausflugsberg positionieren. Das funktioniert am besten.“ Durch den Neubau mit den avantgardistischen Stationen von Architektin Zaha Hadid erfährt die Nordkette weltweite Beachtung. Seitdem werden die Nordkettenbahnen „auf eigene Rechnung von uns geführt“, erklärt Schroll. Mit Erfolg: Waren es zu Beginn der Übernahme noch 390.000 Besucher jährlich, sind es mittlerweile 630.000.

Ende der 30er-Jahre befand sich auf der Seegrube Tirols erste Skisprungschanze.
- Nordkettenbahnen

„Die Nordkette lebt auch von der Begeisterung der Einheimischen, die 40 Prozent der Besucher ausmachen. Es ist ein richtiger Kult um den Berg, das ist lässig. Das spüren die Gäste“, ist Schroll überzeugt. Für ihn hat die Bahn noch nicht das Limit erreicht. Die Erhabenheit des Berges und die Traumkulisse will Schroll noch besser nutzen. „Meine Vision ist, die Nordkette unter die Top fünf Ausflugsberge der Welt zu bringen.“ Das Potenzial sei da, nur brauche es noch Infrastrukturprojekte und eine entsprechende Inszenierung. Schroll denkt etwa an weitere Räume für den Aufenthalt, eine Seeanlage oder Ähnliches. Das liege aber nicht in der Hand der Betreiber, sondern müssten Stadt Innsbruck und Tourismusverband entscheiden.

Weitere Ideen für Projekte auf der Nordkette gab es im Übrigen schon zu Beginn der Bahn: So waren etwa ein Leuchtturm oder ein großes Hotel dort oben vorgesehen. Durchkreuzt wurden diese Pläne von der Weltwirtschaftskrise – eine Naturschutzbehörde in heutiger Form gab es dagegen noch nicht.