Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 30.07.2018


Exklusiv

24.000 Tonnen: Tirols Plastikmüllberg wächst

In Pfaffenhofen wird der Kunststoffmüll aus Nordtirols Haushalten sortiert. Die Plastikmüllmenge steigt dort pro Jahr zwischen drei und fünf Prozent. Der größere Teil des gesammelten Plastiks wird verbrannt.

© 20 Prozent des gesammelten Plastikmülls sind Fehlwürfe. Von den restlichen 80 Prozent kann die Hälfte als Granulat recycelt werden, die andere Hälfte wird verbrannt.



Von Anita Heubacher

Rietz, Pfaffenhofen — Am Hof der Recyclingfirma Höpperger in Pfaffenhofen lagert in Ballen das Endprodukt. Sortierter Plastikmüll aus Tirols Haushalten, Gewerbemüll exklusive. Je nachdem wie sortenrein der Plastikmüll sortiert werden kann, landet er im Müllofen oder wird geschreddert und zu Granulat verarbeitet. Aus dem Granulat wird eine PET-Flasche, ein Kanister oder ein anderes Plastikprodukt gemacht. „Eine PET-Flasche wird aber als solche nicht wiederverwendet. Das lassen die Hygienevorschriften nicht zu", erklärt Prokurist Hermann Mayr.

Er deutet auf die Ballen, wo verschiedenste Verpackungen und verschiedenster Plastikmüll zusammengepresst sind. „Die werden als Ersatzbrennstoff verwendet." Plastik aus Nordtirol landet im Müllofen in Oberösterreich oder in der Zementindustrie. Der Anteil von tatsächlich recyclebarem Plastik hält sich in Grenzen: 24.000 Tonnen Plastikmüll aus Nordtirol landeten 2016 beim Oberländer Entsorger. Plastikmüll aus Lienz wird in Osttirol bearbeitet. 16 bis 20 Prozent der 24.000 Tonnen sind Fehlwürfe. Von den restlichen 80 Prozent ist die Hälfte recyclebar.

24.000 Tonnen Plastikmüll aus den Nordtiroler Haushalten landen pro Jahr auf der Sortiermaschine in Pfaffenhofen.
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Eine riesige rote Maschine erkennt Tetrapaks, kann zwischen weißen, blauen oder grünen PET-Flaschen unterscheiden und sortiert von der Ketchup- bis zur Haarshampoo-Flasche. Besondere Kunststoffe müssen händisch ausgesucht werden. „Eine Stunde Sortieren kostet rund 1000 Euro", erklärt Prokurist Mayr. „Man könnte den Müll noch einmal durch die Sortieranlage schicken, um noch genauer zu trennen, aber das rechnet sich nicht."

An und für sich sind die Tiroler gute Mülltrenner, nur Innsbruck schlug auf der Negativseite aus. Österreichweit sei das ein negativer Spitzenwert gewesen, erzählt Unternehmer Harald Höpperger. Die Landeshauptstadt stellte deshalb die Müllsammlung um. Kunststoff wird nun beim Verbraucher oder in den Wohnanlagen direkt gesammelt und kann nicht mehr zur Müllinsel gebracht werden. „Die Fehlwürfe wurden weniger, sie sind von 30 Prozent auf 20 Prozent gesunken."

Pro Jahr wachse die Plastikmüllmenge zwischen drei und fünf Prozent, sagt Höpperger. Das liege am Bevölkerungszuwachs, daran, dass besser getrennt würde und daran, dass immer mehr Verpackungen produziert würden. In Nordtirol werden jährlich 55 Millionen Plastikgetränkeflaschen weggeworfen. Dazu tragen nicht nur Tiroler, sondern auch die zwölf Millionen Touristen im Land bei.

„Plastikmüll, der im Restmüll landet, ist derart verunreinigt, dass er nur noch verbrannt werden kann", sagt Höpperger. Damit widerspricht er dem Geschäftsmodell der Sortieranlage im Innsbrucker Ahrental. Dort landen 75.000 Tonnen Restmüll, 4000 Tonnen Plastik, Metall oder Papier werden heraussortiert, 71.000 Tonnen verbrannt. „Vollkommen sinnlos", meint Höpperger, der sich schon unzählige Matches mit den öffentlichen Entsorgern im Ahrental geliefert hat.

Manches muss händisch sortiert werden.
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Auch der Tiroler Restmüll landet, je nach Abfallverband, in Müllöfen in anderen Bundesländern oder in Deutschland. „Wenn Restmüll nicht gut genug brennt, wird Plastikmüll beigemengt", sagt Höpperger. Das sind dann die Ballen am Areal in Pfaffenhofen, wo verschiedenste Kunststoffe zusammengepresst wurden. „Die Temperatur im Müllofen muss passen. Zu wenig Brennwert ist nicht gut, zu heiß auch nicht, weil die Abgasreinigung dann ein Problem wird", sagt Mayr.

Höpperger geht davon aus, dass der Plastikmüllberg in Tirol weiter wachsen wird, auch wenn die EU tatsächlich Plastikhalme, Sackerln oder Plastikbesteck verbieten würde. „Das macht mengenmäßig so wenig aus. Das ist fast gar nichts." Die Verwertungsquote muss aber steigen. Österreich hinkt hinterher. Höpperger rechnet damit, dass sich in der Produktentwicklung etwas tun wird. „Der Hersteller wird darauf achten, wie gut seine Verpackung recycelt werden kann und nicht mehr viele verschiedene Kunststoffe für ein Produkt verwenden." Je sortenreiner, desto eher recyclebar.

Ein Drittel des Plastiks wird recycelt, 55 Prozent sollen es laut EU sein

Greenpeace fährt viele Kampagnen gegen Plastikmüll. „Plastik vergiftet unsere Meere, tötet Millionen Tiere und landet als Mikroplastik auch wieder bei uns am Teller", kritisiert Greenpeace-Österreich-Sprecherin Julia Karzel. Plastikbecher, Sackerln oder Flaschen würden im Schnitt nur fünf Minuten verwendet, bevor sie im Müll landen. „Wir werden das Problem nicht herausrecyclen können. Sondern wir müssen weniger Wegwerfplastik herstellen", meint sie. Der Entwurf zur neuen EU-Richtlinie sehe für Plastikverpackungen eine Recyclingquote von 55 Prozent vor. „Da sind wir in Österreich noch lange nicht. Bei uns wird nur ein Drittel wiederverwendet. Der Rest wird einfach verbrannt", sagt Karzel. 900.000 Tonnen Plastik landen laut Greenpeace in Österreich jährlich im Müll.

In Tirol sieht es nicht anders aus. Die Müllmengen sind in den letzten Jahren leicht gestiegen, der Anteil von Plastikmüll liegt tirolweit bei 24.000 Tonnen (siehe Grafik). Tirols Umweltlandesrätin Ingrid Felipe von den Grünen verweist auf die Trenndisziplin der Tiroler. „Die Mülltrennung in unserem Land funktioniert grundsätzlich sehr gut und mit Österreichs modernster Sortieranlage in Pfaffenhofen können wir eine hochtechnologisierte und effektive Mülltrennung in Tirol gewährleisten."

Felipe will die Bewusstseinsbildung weiter in den Vordergrund stellen. Initiativen zur Müllvermeidung, Verbesserung der Mülltrennung bzw. zur Wiederverwertung sowie neue Formen zur Müllvermeidung wie Reparatur-Cafés würden seitens des Landes begrüßt.

Tirol hat vor rund zehn Jahren keine einheitliche Mülllösung für das Bundesland zustande gebracht. Der Bau eines Müllofens in Kundl, wo die Industrie die gewonnene Energie verwenden hätte können, scheiterte unter Altlandeshauptmann Herwig van Staa von der ÖVP. Deshalb gibt es in Tirol weder einen einheitlichen Mülltarif noch eine einheitliche Entsorgung. Der Rest- und Sperrmüll aus Nordtirol, außer der von Reutte, wird laut Umweltabteilung des Landes in Anlagen der Energie AG in Wels und Lenzing verbrannt. Der Rest- und Sperrmüll des Bezirkes Reutte kommt nach Kempten in Deutschland zur Verbrennung. Je nach Kapazitäten in den Müllöfen steigt oder sinkt der Preis pro Tonne, den Tirol für die Verbrennung bezahlen muss. Die gewonnene Energie wird außerhalb Tirols genutzt.