Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 28.08.2018


Standort Tirol

Fachkräftemangel wird anhalten: „Wir brauchen Migranten“

3625 offene Stellen für Facharbeiter unterschiedlichster Qualifikation gibt es in Tirol. Betroffen seie­n fast alle Branchen, erklärt AMS Tirol-Chef Anton Kern.

© Die Wirtschaftskammer schlägt vor, den „Meister“ einem „Bachelor“ gleichzustellen, um die Lehre attraktiver zu machen.Fotos: iStock, Böhm, TW



Innsbruck – Der Fachkräfte­mangel tangiert in Tirol schon lange nicht mehr nur den Tourismus. Betroffen seie­n fast alle Branchen, erklärt der Chef des Arbeitsmarkt­service Tirol (AMS), Anton Kern. 3625 offene Stellen für Facharbeiter unterschiedlichster Qualifikation gebe es in Tirol. Der Handel suche derzeit 516 Lehrlinge, 772 Fachkräfte würden dem Tourismus fehlen. In der Metall- und Elektro-­Branche sind 667 offene Stellen gemeldet.

Mittelfristig bekomme selbst der öffentliche Bereich ein Problem, weil Interessenten für Verwaltungsberuf­e fehlen würden, sagt Kern. „Eines ist ganz klar, kein Einheimischer wird verdrängt von einem Asylwerber, der ein­e Lehre macht.“ Zumindest soll­e es so sein, dass Asylwerber ihre Lehre abschließen können, auch wenn der Bescheid negativ sei. „Das wär­e für den Betrieb auch gut.“ Selbst wenn die Hochkonjunktur nachlasse, bleibe der Facharbeitermangel in Tirol bestehen, sagt Kern.

Der Vizepräsident der Tiroler Wirtschaftskammer Martin Felder ist mit den Plänen der Bundesregierung, kein­e Asylwerber für die Lehre mehr zuzulassen, „nicht sehr glücklich“. Angefangene Lehren sollten abgeschlossen werden können, fordert Felder. Den Facharbeitermangel in allen Branchen führt der Unternehmer auch auf das schlechte Image der Lehre zurück. Durch Kampagnen und Initiativen sei einiges gelungen und in Tirol stehe man besser da als im Osten Österreich, dennoch sieht Felder weiteren Handlungsbedarf. Der „Meister“ gehöre dem „Bachelor“ gleichgestellt. „In Deutschland und der Schweiz wurde das bereits umgesetzt.“

Felder fordert eine Umkehr. „Man muss auch bei den Eltern ansetzen und ihnen erklären, dass man mit einer akademischen Ausbildung immer öfter keinen Job bekommt.“ Es sei ein „volkswirtschaftlicher Wahnsinn“, so viele Schüler an allgemeinbildende höhere Schulen zu schicken, „wo Berufsorientierung noch immer keinen oder zu wenig Platz hat“.

Den Facharbeitermangel sieht Felder ebenfalls als anhaltendes Problem. Er fordert den Ausbau der Erwachsenenbildung, Mädchen in technische Berufe zu bringen, Matura und Lehre zu forcieren, und Zuwanderung. „Wir brauchen Migranten, um das System abzudecken.“

Das sieht auch die Österreichische Hoteliervereinigung (ÖHV) so. Der Schritt der Regierung sei „der falsche Weg“. Fehlende Fachkräfte würden das Angebot im Hotel reduzieren. Den Integrationswilligen die Türe vor der Nase zuzuschlagen, hält die Tiroler Gewerkschaftsjugend für „einen schweren Fehler“. (aheu)