Letztes Update am So, 16.09.2018 07:27

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wirtschaft im Gespräch

„Schulsystem ist verantwortlich für Fachkräftemangel“

Auf ein tolles Gartenjahr blickt Michael Jäger von der Gärtnerei Jäger zurück. Er glaubt, das Schulsystem ist schuld am Fachkräftemangel.

© TT/Julia HammerleMichael Jäger von der Gärtnerei Jäger bedauert, dass Blühpflanzen zu Wegwerfartikeln werden. Er selbst hat die HBLA für Gartenbau besucht.



Wie ist das Gartenjahr 2018 für die Gärtnerei Jäger verlaufen?

Michael Jäger: Die Gartensaison war ziemlich turbulent: Der lange Winter ging fast übergangslos in den Sommer über. Das war eine große Herausforderung für die grüne Branche. Als regionaler Pflanzenproduzent konnten wir sehr flexibel auf die verspätete Pflanzzeit eingehen, daher hatten wir genug Ware zur Verfügung. Unsere Mitarbeiter waren echt gefordert, denn jeder wollte plötzlich gart’ln.

Welcher Umsatz wird in dieser Zeit erwirtschaftet?

Jäger: Prinzipiell wird die Rechnung erst am Ende des Jahres gemacht. Aber der Gärtner lebt eigentlich vom Frühling. Da wird die Hälfte des Jahresumsatzes gemacht. Bisher war es ein tolles Gartenjahr.

Lassen sich schon Garten­trends für 2019 ausmachen?

Jäger: Gemüse und Obst im eigenen Garten anzubauen wird weiterhin sehr beliebt sein. Ausgefallene Sorten wie zum Beispiel fast fußballgroße Ochsenherztomaten oder andersfärbige Tomaten sind begehrt. Damit heben wir uns von unseren Mitbewerbern, den Baumärkten und dem Lebensmitteleinzelhandel, ab. Denn diese können nur ein begrenztes Sortiment bedienen. Bei den Blühpflanzen verstärkt sich der Trend zur Schnelllebigkeit, sie werden leider immer häufiger zu Wegwerf­artikeln.

Wie geht man als Gärtnerei mit der branchenfremden Konkurrenz um?

Jäger: Wir erfinden uns ständig neu am Markt, übernehmen die neuesten Trends und fragen uns, was will der Kunde, was braucht er zum Gart’ln, und passen uns den Kundenwünschen an.

Wie hebt sich Jäger vom Mitbewerb ab?

Jäger: In unmittelbarer Nachbarschaft finden sich Super- oder Baumärkte mit Blumenverkauf. Was man dort jedoch fast nicht bekommt, ist ein breites Sortiment an Pflanzen. Zudem punkten wir durch fundierte Beratung, allein 53 Mitarbeiter arbeiten in unserer Gärtnerei, davon sehr viele im Verkauf. Da tun sich unsere Mitbewerber schwer, denn es herrscht Fachkräftemangel.

Wer ist für den Fachkräftemangel verantwortlich?

Jäger: Ich glaube, das falsche Schulsystem. Ich selbst mache derzeit die Erfahrung mit meiner 14-jährigen Tochter. Sie hat gerade die Hauptschule beendet und muss sich jetzt für einen Beruf entscheiden. Das ist viel zu früh. Besser wäre das deutsche Modell, dort wird diese Entscheidung erst im Alter von 16 Jahren fällig. Ein weiteres Problem ist die Beliebtheit der Gymnasien. Viele Schüler gehen in diese Schulen, doch sie sind für viele nur eine Art Warteschleife. Diese jungen Menschen fehlen dann in der Lehrausbildung. Hier müsste man ansetzen und auch Gymnasiasten eine Art Berufsausbildung mitgeben.

Wie sehen Sie die neue Regelung zum 12-Stunden-­Tag ?

Jäger: Ich bin froh, dass es nun endlich erlaubt ist, auch einmal legal so lange arbeiten zu können. Das Schlechtreden der neuen Regelung ist eine Farce. Im öffentlichen Bereich wie beispielsweise in Krankenhäusern oder bei der Polizei sind 12-Stunden-Tage gang und gäbe. Wer nicht so lange arbeiten will, braucht dies auch nicht. Wenn ich einen guten Mitarbeiter dazu verdonnern würde, wäre er sicher bald einmal weg – gerade bei diesem Facharbeitermangel. Beispielsweise kommt die neue Regelung unseren halbtags beschäftigten Müttern sehr entgegen, da die gewonnene Zeit für die lange Ferienbetreuung der Kinder im Sommer eingesetzt werden kann

Das Gespräch führte Frank Tschoner