Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 11.10.2018


Standort Tirol

Messe-Auftakt mit klaren Botschaften

Bei der Eröffnung der Herbstmesse fordert Landeshauptmann Platter mehr Zusammenhalt, WK-Präsident Bodenseer weniger Nationalismus und der Innsbrucker Bürgermeister Willi Hilfe auch für Schwächere.

© Michael KristenUnter den Augen des Tiroler Brau-Union-Chefs Mathias Gurschler (Mitte) sticht Landeshauptmann Günther Platter (l.) das Bierfass an, um dem Innsbrucker Bürgermeister Georg Willi (r.) einen Krug einzuschenken. Fotos: Michael Kristen



Innsbruck – Zeltfeststimmung mit Band am späten Vormittag: Die 86. Herbstmesse wird eröffnet. 420 Aussteller zeigen noch bis Sonntag auf der Messe Innsbruck ihre Produkte. Im Vorjahr waren 53.000 Besucher auf der Herbstmesse, am Eröffnungstag mischen sich traditionellerweise Politiker unters Volk. Auch Landeshauptmann Günther Platter (VP) ist da. Er sehe bei den Tirolerinnen und Tirolern sehr oft zufriedene Gesichter, sagt er zum Start der 86. Messe. Nicht nur bei den Bürgern, auch bei den Bürgermeistern und Unternehmern ortet Platter Zufriedenheit. Den Grund sieht er in einer Zusage des Landes. Denn immerhin stelle das Land 2,2 Millionen Euro für Kinderbetreuung für die Gemeiden bereit. „Das ist wichtig für Wirtschaft und Mitarbeiter“, sagt Platter. Und erinnert das Publikum an schlechtere Zeiten.

Vor zehn Jahren habe er sein Amt angetreten, damals, während der Finanzkrise, seien der Industrie „50 Prozent ihrer Aufträge weggebrochen“. Jetzt sei die Wirtschaftslage gut, die Exporte hätten um 20 Prozent zugenommen, es gebe einen Boom bei Unternehmensgründungen. „Jetzt müssen wir uns um den Standort bemühen“, fordert Platter. Er will Ganzjahresarbeitsplätze im Tourismus und nennt die Weltmeisterschaften im Klettern und Straßenradfahren als positive Beispiele.

Von der Industrie wünscht sich Platter „Digitalisierung, aber auch Investitionen in Fachkräfte“. Und er will noch mehr Vernetzung in der Verwaltung – wie etwa in der geplanten Tirol Holding, der Zusammenführung von Tirol Werbung, Standortagentur und Agrarmarketing Tirol. Es brauche „Struktur im Interesse des Standortes“. Und auch eine Verlagerung des Verkehrs von der Straße auf die Schiene. Durch Tirol durchfahren sei „zu billig“. Allerdings sei es schwer, mit internationalen Partnern zu verhandeln. So habe erst kürzlich der italienische Verkehrsminister Danilo Toninelli in Brüssel davon gesprochen, dass „ohnehin schon viele Leute durch den Brennerbasistunnel fahren würden“, „der in neun Jahren fertig sein soll“, ätzt Platter und motiviert sich selbst: „Wir brauchen Stärke, um mit solchen Menschen zu verhandeln.“

Zudem will Platter „mehr Zusammenhalt in der Gesellschaft“: „Wir dürfen nicht zulassen, dass Radikalismus nach Tirol kommt.“ Wirtschaftskammer- und Messepräsident Jürgen Bodenseer übt – erneut– Kritik an der Bundesregierung. „Mir tut das Herz weh, wenn ich allwöchentlich höre, dass Lehrlinge, die Deutsch lernen und arbeitswillig sind, in ein Flugzeug gesetzt werden.“ Europa dürfe nicht an Nationalismen zerbrechen. Bodenseer fordert außerdem, dass sich die Congress- und Messegesellschaft dem Innsbrucker Markenprozess anschließen sollte. Innsbruck sei eine bedeutende Marke, dies müsse genutzt werden.

Nichtsdestotrotz stünden auf der Herbstmesse aber „Gefühle im Vordergrund“, diese sollten laut Boden­seer auch in die Landespolitik einziehen. So habe in der Raumordnungspolitik „Widmungswahn“ Einzug gehalten, Bodenseer wünscht sich, dass „Regeln, die es gibt, eingehalten werden“ und es nicht „Gleiche und Gleichere geben dürfte“. Vor dem traditionellen Bieranstich erinnert der Innsbrucker Bürgermeister Georg Willi (Grüne) noch daran, dass es der Wirtschaft zwar gut gehe, aber nicht alle Menschen davon profitierten. Er fordert Unterstützung und „in dieser komplexen Welt“ differenzierte Betrachtungsweisen.

Traditionell am Eröffnungstag der Innsbrucker Herbstmesse lädt auch der Tiroler Gemeindeverband zum Bürgermeistertag. Der Präsident des Gemeindeverbandes, Ernst Schöpf, will etwa, dass Gemeinden „in den elitären Kreis der Landwirte und des Landeskulturfonds aufgenommen werden“. So könnten Kommunen leichter Flächen für den sozialen Wohnbau oder Manövriermasse für Grundstückstäusche erwerben. Schöpf fordert auch mehr Gelassenheit in Diskussionen rund um die Seilbahngrundsätze. (ver)