Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 08.11.2018


Tiroler Wirtschaftsforum

De Klerk: „Konflikte durch Verhandeln lösen“

Frederik Willem de Klerk erhielt zusammen mit Nelson Mandela 1993 den Friedensnobelpreis. Er war daran beteiligt, die Apartheid-Politik in Südafrika zu beenden und damit Teil des politischen Wandels des Landes.

© TT/Rudy De MoorTT-Chefredakteur Alois Vahrner und Außenpolitikchef Floo Weißmann im Skype-Gespräch mit Nobelpreisträger und Ex-Präsident Frederik Willem de Klerk.



Innsbruck – Die Digitalisierung macht die Welt zum Dorf, daher konnte der 82-jährige Frederik Willem de Klerk, Ex-Präsident von Südafrika und Friedensnobelpreisträger 1993 zusammen mit Nelson Mandela, nach einer akuten Lungenerkrankung doch am Wirtschaftsforum teilnehmen. Da seine Ärzte ihm das Fliegen verboten haben, wird er über Internettelefonie zugeschaltet. Denn zum Thema des heurigen Forums „Den Wandel mutig gestalten“ hat de Klerk einiges beizutragen, – wenn nicht gerade die Bild- und Tonleitung nach Südafrika zusammenbricht.

De Klerk berichtet – wenn er sicht- und auch hörbar war – vom Veränderungsprozess im Südafrika der 80er-Jahre, als er spürte, dass die Apartheid, die Rassentrennung, die in Südafrika damals Gesetz war, keine Zukunft mehr hatte. Für ihn und die regierende National Party, die Partei der damals herrschenden weißen Bevölkerungsschicht, habe das damals nur eines geheißen: verhandeln mit der schwarzen Bevölkerungsmehrheit.

Und genau das empfiehlt de Klerk auch in jedem Wandlungsprozess: „Konflikte, die sich durch Veränderungen ergeben, müssen durch Verhandlungen gelöst werden.“ Eines sei jedoch wichtig: Der Wille zu den Verhandlungen müsse auf allen Seiten vorhanden sein. Nicht aufgezwungen, sondern „from hearts and minds“, also aus dem Herzen und dem Verstand müsste der Wille zu Verhandlungen und Veränderungen kommen. Deshalb habe er wohl auch ein derart gutes Verhältnis zu Nelson Mandela gehabt, jenem Mandela, den er nach 27 Jahren aus dem Gefängnis geholt hatte und der – mit de Klerk als Vize – der erste schwarze Präsident Südafrikas wurde. „Es gab von Anfang an Respekt zwischen uns“, erzählt de Klerk und schließlich seien sie sogar Freunde geworden: „Erst waren wir politische Gegner und dann haben wir verhandelt.“

De Klerk berichtet, dass die Entscheidung zum Ende der Apartheid-Politik nicht nur eine „moralische, sondern auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit“ war. Denn das Land stand durch die Sanktionen wirtschaftlich nicht gut da. Zudem spitzte sich ab Mitte der 80er-Jahre die politische Situation dramatisch zu. Unruhen, Streiks und bewaffnete Auseinandersetzungen begannen zunehmend um sich zu greifen. Die zaghaft eingeleiteten Reformen konnten die Situation nicht mehr beruhigen. Als der damalige Präsident Pieter Botha erkrankte und die Sache zu eskalieren drohte, wusste de Klerk, dass etwas getan werden musste.

Er betont aber, dass „der Wandel auch von moralischem Druck bestimmt war“. Für ihn sei damals klar gewesen, dass die in Südafrika seit Generationen verfolgte Apartheid-Politik an ihr Ende gekommen war und die Apartheid und Entrechtung der Mehrheitsbevölkerung nicht aufrechtzuerhalten waren. Abgesehen von inneren Unruhen war Südafrika ja zunehmend internationalem Druck und schmerzhaften Wirtschaftssanktionen ausgesetzt.

Politische Opposition wurde schließlich in Südafrika nach und nach wieder zugelassen, allerdings wie de Klerk betont, ohne zu wissen, ob die Veränderung auch klappen würde. Zudem wurden Gesetze verabschiedet, die die Rassendiskriminierung nicht nur abschafften, sondern sogar unter Strafe stellten. Doch auch aktuell ist de Klerk besorgt, nicht nur über die politische und wirtschaftliche Situation in seiner Heimat, wo – obwohl es die Apartheid per Gesetz nicht mehr gibt – immer noch keine Gleichheit zwischen schwarzer und weißer Bevölkerungsgruppe herrscht und wo 27 Prozent der Jugendlichen arbeitslos sind. De Klerk hofft, dass sich die wirtschaftliche Situation bessert, dass es mehr Investitionen gibt, um die Wirtschaft zu stabilisieren. Zudem wünscht er sich mehr Investitionen in Bildung. Global sieht de Klerk ein großes Problem im Aufkommen von rechten Extremisten und Nationalismus. (ver)