Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 08.11.2018


Tiroler Wirtschaftsforum

Sven Seidel: „Handel ist unter Beschuss“

Im Handel werden gerade die Spielregeln geändert, sagt Otto-Vorstand Sven Seidel.

© TT/Rudy De MoorSven Seidel, Vorstand beim Handelskonzern Otto: „Die Geschwindigkeit des Wandels erhöht sich dramatisch.“



Innsbruck – Der Handel wird durch die Digitalisierung derzeit komplett auf den Kopf gestellt. Und zwar in einem enormen Tempo. Das schilderte gestern Sven Seidel, seit Kurzem Vorstand beim Otto-Konzern. „Die Geschwindigkeit des Wandels erhöht sich dramatisch“, sagte Seidel beim Tiroler Wirtschaftsforum in Innsbruck. Grund für das enorme Tempo sei die rasante Entwicklung der digitalen Leistungsfähigkeit, was sich beispielsweise anhand immer kleinerer und leistungsstärkerer Computerchips ebenso ablesen lässt wie an der steigenden Internet-Nutzung. Inzwischen würden in jeder Minute bereits 38 Millionen WhatsApp-Nachrichten versendet – Tendenz weiter steigend.

Insgesamt verdopple sich die IT-Leistungsfähigkeit alle 12 bis 18 Monate. Ein Tempo, bei dem der Mensch kaum Schritt halten kann. „Die IT-Leistungsfähigkeit wächst exponentiell. Das Problem dabei ist allerdings, dass der Mensch respektive das menschliche Gehirn nicht exponentiell denkt“, sagte Seidel.

Mit dem IT-Tempo würden aber auch die Innovationen immer schneller. So werde in fünf Jahren beispielsweise das Smart-Home in Neubauten bereits zur Standard­ausstattung gehören, glaubt der Otto-Vorstand.

Was den Handel betrifft, erlebe man derzeit, dass die Spielregeln geändert würden. „Der Handel ist extrem unter Beschuss“, befindet Seidel. So würden sich beispielsweise Internet-Plattformen wie Amazon oder Google als Zwischenhändler zwischen das Unternehmen und den Kunden drängen und so den klassischen Händlern immer mehr zusetzen. Amazon etwa ist im Netz inzwischen zur Produktsuch-Plattform Nummer eins avanciert und habe ausgezeichnete Kundenbindungsprojekte entwickelt. Auch der Wandel zu sprachgesteuerten Geräten werde sich fortsetzen. „Der Markt wird mit solchen Geräten geflutet“, meint Seidel. Neue Vertriebsketten, die ohne Zwischenhändler auskommen, würden dem klassischen Handel ebenso zusetzen wie die wachsende Gaming-Community im Internet, die Prozesse im Handel durcheinandermischt.

Gleichzeitig allerdings hätten Studien beim Otto-Konzern ergeben, dass sich Online-Umsätze durch Shops an ausgewählten Standorten um 25 Prozent steigern ließen.

Auch macht Seidel keinen Hehl aus den Gefahren, die sich aus der rasanten Digitalisierung ergeben. Vor allem, was die Kontrolle und den gläsernen Menschen betrifft. „Wenn Sie nach China reisen“, erklärt der Manager, „können Sie davon ausgehen, dass man in Ihr Handy und Ihre ganzen Apps schauen kann.“ (TT)