Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 27.11.2018


Bezirk Reutte

Plansee zwischen Jubeljauchzen und Streikzoff

Warnstreik kam bei Plansee-Führung überhaupt nicht gut an. Vorstand Schretter: „Sind stolz, dass nur ein kleiner Teil teilgenommen hat.“ Angestelltenbetriebsratschef Scheiber sprach von „Druck auf Belegschaft“.

© Mittermayr HelmutBeste Stimmung herrschte im Walter-Schwarzkopf-Saal bei der Ehrung der 129 Firmenjubilare.



Von Helmut Mittermayr

Breitenwang – Hausgemachte Maultaschen, Omas Rindsroulade, dazu ein Cuvée Nepomuk – Plansee verwöhnte 129 Mitarbeiter Freitagabend im Walter-Schwarzkopf-Saal. Jeder Einzelne wurde von Vorstand Karlheinz Wex mit einem Endreim bedacht, Geschenke und Urkunden wechselten die Besitzer, auch Kammervertreter reihten sich ein zum Händeschütteln. Eine jahrelang gepflegte schöne Übung war wieder im Gange – die Jubilarehrung.

Ebenso Gepflogenheit ist bei Plansee die Rede zur Lage der Nation, die Vorstand Bernhard Schretter zukam – und die war rekordverdächtig, was die Zahlen des Außerferner Flaggschiffs betraf, aber noch leicht versalzen, was die Innenverhältnisse nach den KV-Verhandlungen anging. Die erfolgsverwöhnte Planseeführung konnte wieder einmal Superlative in den Raum stellen. Schretter: „Noch nie haben wir so viele Produkte absetzen können wie im laufenden Geschäftsjahr, was mit größter Wahrscheinlichkeit zu einem neuen Umsatzrekord führen wird. Dazu haben wir eine noch nie dagewesene Menge an Rohstoff eingesetzt und wir haben noch nie in der Unternehmensgeschichte mehr Mitarbeiter beschäftigt. Die Investitionen bewegen sich ebenfalls auf Höchstniveau und ertragsseitig läuft das heurige Geschäftsjahr sehr gut.“ Was will eine Eigentümerfamilie – viele „Schwarzköpfe“ waren anwesend – mehr hören.

Die Chefetage (letzte Reihe) freut sich mit den Jubilaren über 45 Jahre Zugehörigkeit zu Plansee SE, Group Service und Ceratizit.
- Mittermayr Helmut

Bernhard Schretter erinnerte aber auch an den Warnstreik, der vor wenigen Tagen im Werk im Zuge der österreichweiten Kollektivvertragsverhandlungen durchgeführt worden war. Hatte die Unternehmensführung noch eine Betriebsversammlung im großen Saal zulassen müssen, war dann aber Schluss mit dem Entgegenkommen. Ein Warnstreik wenige Tage später musste im Freien abgehalten werden. Unbestätigten Meldungen zufolge hatten sich in drei Schichten rund 400 Personen dazu aufgerafft. Schretter zeigte sich stolz, dass „nur wenige daran teilgenommen haben“. Plansee und Ceratizit seien attraktive Arbeitgeber mit spannenden Jobs. Regelmäßig würden überdurchschnittliche Löhne gezahlt, darüber hinaus freiwillige Boni und Sozialleistungen gewährt, die ihresgleichen suchen müssten. „Dass wir in Arbeitskampfmaßnahmen hineingezogen werden, stößt bei der Unternehmensleitung schlichtweg auf Unverständnis“, ließ Schretter seinem Unmut freien Lauf. Er bezeichnete die Aktionen im Werk als „Keil, der zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer getrieben“ worden sei. Und sie würden noch dazu den völlig falschen Adressaten treffen, wenn es den Streikenden „um das Zurückholen von etwas ginge, was durch das neue Arbeitszeitgesetz angeblich genommen worden sei“.

Der Konter kam bereits in der nächsten Rede. Angestelltenbetriebsratsvorsitzender Christoph Scheiber brach überhaupt eine Lanze für die Streikerfolge in Österreich und glaubte zu wissen, dass 6000 Demonstranten Zwentendorf verhindert hätten. Verdutzt sei er deshalb, dass 100.000 Demonstranten gegen die aktuelle Regierung nichts ausrichten könnten. Die Arbeitsniederlegung bei Plansee brauche nicht hochgespielt zu werden und habe „ja nur eine Stunde ausgemacht“. Er habe jedenfalls erlebt, wie stark der Druck am Standort auf jeden Einzelnen zugenommen habe, nicht am Streik teilzunehmen. Ums­o mehr danke er allen Mitstreitern für den gemeinsamen Erfolg. „Ich kann allen nur sagen: Habt den Mut und erhebt eure Stimme, wenn es nicht in die richtige Richtung läuft.“ Und damit meinte Scheiber sogar etwas mehr die aktuelle Bundespolitik als sein Unternehmen. Noch einen letzten Hieb versetzte der Gewerkschafter denen da „oben“, bevor er in den Jubilar-Dank-Modus überging: „Ich erwarte mir Führungskräfte als Motivationstrainer einer Mannschaft und nicht als Viehtreiber einer Herde.“

Tirols neuer Wirtschaftskammerpräsident Christoph Walser machte den Jubilaren ebenfalls seine Aufwartung. Er blieb im Kammerjargon und dankte Plansee derart überschwänglich für die Lehrlingsausbildung, dass mancher im Saal glauben konnte, dies sei eine Art Sozialleistung des größten Industrieunternehmens im Bezirk.




Kommentieren


Schlagworte