Letztes Update am Do, 29.11.2018 10:04

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Tiroler Betriebe suchen Personal: 3050 offene Jobs im Tourismus

Die Branchenflucht ist laut Hoteliervereinigung das eine, das gestiegene Angebot das andere. Vor Saisonstart gibt es in Tirol 3050 offene Stellen.

© iStockphoto3050 Stellen im Tourismus waren im November offen: 1047 Kellner, 433 Stubenmädchen oder -burschen, 708 Köche fehlen in Tirol.



Von Anita Heubacher

Innsbruck – „Gerade eben bin ich von einem Pärchen aus Ex-Jugoslawien erpresst worden“, erzählt Gastwirt Christian Mauth. „Sie wollten weniger Stunden machen und mehr Geld, obwohl wir das vor drei Wochen anders vereinbart hatten.“

Christian Mauth leitet mit seiner Frau einen Landgasthof in Kirchdorf. 30 Betten und ein Einheimischen-Wirtshaus mit 130 Sitzplätzen gilt es mit sechs bis sieben Mitarbeitern zu führen. Am 8. Dezember sperrt der Mauthhof wieder auf, noch sind zwei Stellen unbesetzt. „Ich stehe selbst in der Küche, sonst würde es eh nicht mehr gehen“, sagt Mauth. Sein Wirtshaus sei das einzige, das der wenig tourismusintensiven Gemeinde Kirchdorf noch geblieben sei. „Zwei Pizzerien haben bereits zugesperrt, weil es keinen Nachfolger gab.“ Dem Mauthhof droht ähnliches Schicksal. „Mein Sohn will nicht ins Gastgewerbe.“ Wochenends, abends und feiertags zu arbeiten, schrecke die einheimische Jugend ab, meint Mauth. Seine Vision für die Zukunft ist keine gastgewerbliche mehr. „Wir werden es gleich machen wie die anderen und statt des Gasthofs einen Wohnblock hinstellen.“ Ein in Kirchdorf geschlossenes Hotel sei bereits zum Personalhaus umgewandelt worden. „Dort schläft jetzt das Personal eines Kitzbüheler Hoteliers.“

Schon lange besetzt der Wirt seine Stellen mit Ungarn oder Polen. „Einheimische sind nie unter den Bewerbern.“ Die Qualifikation der Mitarbeiter lasse zu wünschen übrig. „Im Sommer ist es überhaupt eine Katastrophe“, erzählt der Wirt. „Da stellt sich jemand als Koch vor und kann nicht einmal Kartoffeln schälen.“

So, wie es dem Kirchdorfer Wirt geht, geht es vielen in der Branche. 60 bis 80 Prozent der Betriebe österreichweit würden noch Personal suchen, sagt Martin Stanits, Pressesprecher der Österreichischen Hoteliervereinigung, ÖHV. „Die Branchenflucht ist das eine, der Bettenzuwachs das andere“, meint er. Vor allem im Vier- und Fünfsternbereich seien viele neue Häuser dazugekommen. „Dort kommen auf ein Bett fünf Mitarbeiter.“ Das gestiegene Angebot lässt die Zahl der offenen Stellen in die Höhe steigen.

In Tirol waren im November laut AMS 3050 Stellen offen. 1047 Kellner fehlen, ebenso wie 433 Stubenmädchen oder -burschen und 708 Köche. „Früher hat Personal aus Osteuropa oder Ostdeutschland die Lücke gefüllt, heute ist das nicht mehr so“, sagt Stanits. „Der Tourismus wächst auch dort.“

Tourismus eröffne Karrieren, ist der ÖHV-Mann überzeugt. „Einheimische, die Tourismus bei uns lernen, sind im Ausland gern gesehen. Die gehen nach Japan, nach Singapur oder in die USA.“ Die, die bleiben, für die würden oft die Rahmenbedingungen nicht stimmen, sagt Stanits. „Ausgerechnet in Tirol, wo 40 Prozent der Übernachtungen Österreichs gemacht werden, sind die Öffnungszeiten der Kinderbetreuungseinrichtungen bescheiden.“

Letzteres lässt Hotelier Lukas Scheiber für die Tourismushochburg Obergurgl nicht gelten. „Kinderbetreuung gibt es bei uns fast rund um die Uhr.“ Seinem Personal biete er Deutschkurse, Seminare und Bespaßung an. „Das lohnt sich, weil 60 der 90 Mitarbeiter wiederkommen.“ Scheiber hat alle Stellen besetzt. Sein Hotel sperrt er trotz Minusgeschäfts im Sommer auf, auch um Mitarbeiter halten zu können. 75 Prozent der großen Häuser seien in Obergurgl im Sommer geschlossen.

Für die Zukunft wünscht sich Scheiber, dass die Zumutbarkeit für Jobs nach unten geschraubt wird. „In Wien gehen 1500 Köche stempeln.“ Einheimische würden sich oft bei ihm nur einen Stempel fürs AMS holen. „Arbeiten wollen die aber nicht.“ Anders als Drittstaatsangehörige, meint Scheiber. Dass Asylwerber in Lehre bleiben dürfen, steht auch auf seiner Wunschliste.

Anton Kern ist AMS-Chef.
- Thomas Böhm

Das Gerangel um die Arbeitsplätze

Ist der Tourismus im Vergleich zu anderen Branchen besonders stark vom Facharbeitermangel betroffen?

Anton Kern: Seit 2010 ist die Zahl der Arbeitsplätze im Tourismus um 17 Prozent auf 5339 gestiegen. Ähnlich gewachsen ist in Tirol nur die Gesundheitsbranche. Daher sind beide Branchen vom Arbeitskräftemangel überproportional betroffen. Die Zahl der Gäste steigt weiter, das Angebot wächst, besonders im Vier- und Fünfsternebereich, wo es sehr viele Mitarbeiter braucht.

Die Tourismusbranche hat ein schlechtes Image und oft wird ihr vorgeworfen, dass der Fachkräftemangel selbstgemacht sei. Wie sehr teilen Sie diese Meinung?

Kern: Im Vergleich zu anderen Branchen hat der Tourismus eine höhere Personalfluktuation. Das Personal wechselt nicht nur innerhalb der Tourismusbetriebe, sondern auch in andere Branchen oder in andere Länder. Auch in Deutschland und in anderen EU-Staaten boomt der Tourismus.

Was ist von der Branche hausgemacht?

Kern: Der Tourismus bringt strukturelle Nachteile für den Arbeitnehmer. Das sind unregelmäßige Arbeitszeiten, das ist das Arbeiten am Wochenende und, was auf Tirol besonders zutrifft, eine hohe Saisonalität. Im April werden 23.000 Arbeitskräfte im Tourismus gebraucht, im Dezember sind es weit mehr als das Doppelte, nämlich 49.000.

In der Saison kann man aber als Arbeitnehmer auch gut Geld verdienen.

Kern: Es ist nicht nur der Gehalt allein. Es ist auch das Thema Personalführung. Was aber auch für uns erkennbar ist, ist, dass die Branche aufgrund des erhöhten Wettbewerbs stärker in Mitarbeiterbindung investiert. Die allerbeste Werbung für die Betriebe sind zufriedene Mitarbeiter.

Wie sieht die zukünftige Entwicklung aus?

Kern: Das ist ein Konjunkturthema, wobei die Branche auch nach der Finanzkrise stabil war. Aber gute Konjunktur steigert den Wettbewerb um Arbeitskräfte.

Das Gespräch führte Anita Heubacher