Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 07.12.2018


Exklusiv

Die Asiaten kommen: Braucht Tirol chinesische Gäste?

In Innsbruck haben die Chinesen die Italiener bei den Nächtigungen bereits überholt. Der Markt wird entsprechend umworben. Asiaten würden zu kurz bleiben und seien kein Zukunftsmodell, so die Gegenthese.

© iStockSkifahren ist in China „patriotisch“, seit Peking den Zuschlag zu Olympia 2022 erhalten hat. Noch sind Chinesen auf Skiern die Ausnahme. Auch in Tirol, der chinesische Gast geht viel lieber shoppen.



Von Anita Heubacher

Innsbruck – Mit oder ohne Selfie-Stick, chinesische Gäste sind leicht in der Innsbrucker Altstadt auszumachen. Chinesen reisen zumeist in Gruppen. Bustouristen sind nicht wirklich das, was Touristiker-Herzen höherschlagen lässt. Sie sind nur kurz da und lassen auch nicht viel Geld liegen.

Anders verhält sich das bei den Chinesen. Sie bleiben zwar nur ein paar Stunden oder maximal für eine Nacht, sind aber „die ausgabefreudigste Nation“, wie Stefan Isser, Geschäftsführer der D. Swarovski Tourism Services GmbH, erklärt. Wie viel die Chinesen im Schnitt in den Swarovski Kristallwelten und im Shop in der Innsbrucker Altstadt ausgeben, will Isser nicht verraten. „In China gibt es einen so genannten Quellmythos. Prestigeträchtig ist es, das Produkt dort zu kaufen, wo es hergestellt wird.“ Für ein Land, in dem alles kopiert werden kann, ein erstaunlicher Mythos.

China sei der Wachstumsmarkt, bei Zuwachsraten von 13 Prozent, sagt Isser. 40.000 Chinesen hätten allein die Kristallwelten im letzten Jahr besucht. „Wir stellen uns auf die chinesischen Kunden ein. Wir thematisieren das chinesische Neujahr, wir haben Chinesisch sprechende Mitarbeiter und wir arbeiten mit Alipay und WeChat.“ Anders als Europa hat China Pendants zu Amazon und WhatsApp aufgebaut. Alipay ist ein Online-Bezahlsystem der Alibaba Group, des chinesischen Amazon. Alipay hat einen Marktanteil von 50 Prozent im Online-Geschäft und wird von 520 Millionen Chinesen genutzt. In China lässt das Regime keinen Zugriff auf Face­book oder Google zu. Isser setzt darauf, dass in ein paar Jahren statt der Bustouristen mehr Individual- und Luxusreisende nach Tirol kommen werden.

Daran glaubt auch die Tirol Werbung. 337.892 Chinesen haben im letzten Tourismusjahr für 371.632 Nächtigungen gesorgt. „Die Zahl der Gäste aus China ist damit um knapp neun Prozent gestiegen“, erklärt Holger Gassler, Experte für Fernmärkte in der Tirol Werbung. Zuwachsraten von rund 500 Prozent lassen sich laut Gassler gar im Zehnjahresvergleich festmachen. Im Sommer sind die Chinesen demnach bereits die zehntwichtigste Nation.

179.000 Chinesen sorgen in Innsbruck für 192.000 Nächtigungen im Jahr. Die Italiener bringen es auf 187.000 Übernachtungen.
- Böhm

Mit dem Skifahren hätten es die Chinesen noch nicht so sehr, räumt Gassler ein. „Aber durch Olympia dürfte sich das ändern.“ Peking hat den Zuschlag für die Olympischen Winterspiele 2022 erhalten, seitdem hat das Regime Skifahren zum patriotischen Akt erklärt. Obwohl Skifahren noch in den Kinderschuhen steckt, hat Tirol neben Wien den höchsten Marktanteil bei den chinesischen Gästen. 33 Prozent kommen laut Tirol Werbung nach Wien, 32 Prozent nach Tirol, 15 Prozent nach Salzburg. Innsbruck liegt neben Paris, Amsterdam, Brüssel, Neuschwanstein und Italien auf der Westroute. „Großteils sind das noch Gruppenreisen. Der Anteil der Individualtouristen wird aber steigen“, ist Gassler überzeugt.

Auch für den Chef der Sölder Bergbahnen, Jakob Falkner, ist der asiatische Markt interessant. „Das ist Aufbauarbeit, die wir leisten. Es ist das Gebot der Stunde, dass wir den Markt bewerben“, sagt er. Schon jetzt würden 15 Nationen bei den Übernachtungen in Sölden eine Rolle spielen. „Internationalisierung ist die Strategie.“ 300 Millionen Wintersportler gebe es derzeit in China. „Das sind noch mehr Eisläufer als Skifahrer“, gibt Falkner zu. „Aber in zehn Jahren, wenn da nur zehn Prozent dazukommen, ist das eine signifikante Vergrößerung des Marktes.“ Das wäre für die Skiindustrie ein Hoffnungsschimmer, schließlich stagniert die Zahl der Skifahrer weltweit und hat sich zwischen 108 und 125 Millionen eingependelt.

Falkner hat neben seinen Pisten auch noch eine James-Bond-Erlebniswelt am Gaislachkogel geschaffen. Mit „dieser internationalen Marke“ könne Sölden punkten.

Auch in den Kristallwelten sind immer mehr asiatische Touristen zu finden.
- Swarovski

Innsbruck punktet mit dem Goldenen Dachl, Designerläden und Swarovski. Die Chinesen haben laut Tourismus-Chefin Karin Sailer-Lall bei den Übernachtungen die Italiener überholt. Die Südländer sorgten für 187.000 Nächtigungen im Jahr, die Chinesen für 192.000. „Der große Unterschied ist, dass der italienische Markt konstant ist und der chinesische um 5,2 Prozent gewachsen ist.“ Das Übernachten habe bei den chinesischen Gästen keinen Stellenwert, das Einkaufen umso mehr. „High-End-Produkte sind hier viel günstiger als in China“, erklärt Sailer-Lall. Der Tourismusverband Innsbruck und seine Feriendörfer investiert 80.000 Euro in den chinesischen Markt, in den italienischen 90.000 Euro und für Deutschland gibt er 485.000 Euro aus.

Hubert Siller, Professor für Tourismus am MCI, sieht im asiatischen Markt „kein Zukunftsmodell“. Schon einmal hatte er das zu Protokoll gegeben und sich damit nicht nur Freunde gemacht. Siller bleibt dabei: Die Asiaten würden zu viele Ankünfte produzieren und seien damit eine hohe Belastung für die Tiroler Bevölkerung. „Unsere Strategie muss sein, die Aufenthaltsdauer zu erhöhen.“ Das heiße nicht, dass man China nicht umwerben solle, aber „wir müssen daran arbeiten, dass sie länger bleiben, und entsprechende Paketangebote schnüren“. Mike Peters von der Uni Innsbruck rät, sich Reglementierungen zu überlegen, um dem Gefühl von Overtourism entgegenzusteuern. „Hallstatt hat für Bustouristen Kontingente eingerichtet. Das ist eine vernünftige Regelung.“