Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 07.06.2019


Standort Tirol

Landwirte beim Thema Tierwohl im Clinch mit dem Handel

Stichwort Tierwohl: Bauern wollen sich nicht vorschreiben lassen, wie sie ihre Tiere zu halten haben.

Alfons Huber, Bauer vom Oberplonig-Hof in Nikolsdorf, hält seine Kühe in Kombinationshaltung: im Stall, auf der Weide, auf der Alm.

© OblasserAlfons Huber, Bauer vom Oberplonig-Hof in Nikolsdorf, hält seine Kühe in Kombinationshaltung: im Stall, auf der Weide, auf der Alm.



Von Catharina Oblasser

Nikolsdorf – Eine Bauernfamilie, die Tiere hält, behandelt diese auch gut – schon aus eigenem Interesse und unabhängig vom kitschigen Bild, das die Werbung zeichnet. Das ist die Meinung der Landwirtschaftskammer Tirol, vertreten durch Präsident Josef Hechenberger. Dass das Verhältnis zwischen Bauernschaft und den großen Handelsketten beim Thema „Tierwohl“ nicht immer ungetrübt ist, schildert Hechenberger bei einem Osttirol-Besuch in Nikolsdorf-Plone, am Oberplonig-Hof der Familie Huber. Mit dabei waren Hechenbergers Stellvertreterin Helga Brunschmid, der Osttiroler Bezirksobmann Konrad Kreuzer sowie Geschäftsleiter Martin Diemling.

„Anbindehaltung oder nicht, das ist nicht das Maß aller Dinge, wenn es ums Tierwohl geht“, befindet Hechenberger. Tatsächlich hat die Klischeevorstellung von Rindern, die frei und unbeschwert das ganze Jahr über die Wiesen ziehen, nur wenig mit der Realität zu tun. „In Tirol betreiben rund 83 Prozent der Betriebe die so genannte Kombinationshaltung, also winters im Stall mit regelmäßigem Aufenthalt im Freien, im Sommer auf der Alm und dazwischen auf der Heimweide“, so der Kammerpräsident. Dieser Prozentsatz gilt auch für Osttirol. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass nur 17 Prozent der Tiroler Betriebe einen Laufstall haben, in dem die Tiere überhaupt nie angebunden sind.

Auch Alfons und Karin Huber vom Oberplonig-Hof, die ihren Betrieb im Nebenerwerb führen, halten ihre vier bis sechs Kühe in Kombinationshaltung. Den Auslauf im Winter würden Alma, Priska und ihre tierischen Kolleginnen gar nicht schätzen, meinen Alfons und Karin Huber. „Bei uns auf 1150 Metern Seehöhe ist es oft kalt und windig. Wenn die Kühe es sich aussuchen können, bleiben sie lieber im Stall.“

Doch nun sei der tagtägliche Auslauf ein Kriterium geworden, das eine große Lebensmittelkette von ihren Milchlieferanten verlangt, erklärt Helga Brunschmid – damit die Handelskette mit dem Bild der heilen Welt werben könne, laut der die Kühe der Lieferanten quasi Familienmitglieder sind und alle einen eigenen Namen haben.

Die Landwirtschaftskammer würde lieber direkt mit den Kunden kommunizieren, ohne Zwischenschaltung des Handels. „Denn die Konsumenten sagen uns, es ist ihnen lieber, dass auch kleine Bergbauern-Betriebe erhalten bleiben und nicht zusperren müssen, weil die immer strengeren Vorgaben der Ketten ihnen die Luft abschnüren“, führt Hechenberger weiter aus.

Um das Thema „Tierwohl“ wissenschaftlich zu untersuchen, unterstützt die Kammer einen Agrar-Studenten bei seiner Diplomarbeit. Dabei werden Daten über die Betriebe und die Arbeitsweise von Tiroler Kuhhaltern gesammelt. Hechenberger: „Damit können wir die Situation der Tiroler Rinderhaltung nach außen besser darstellen und unsere Aussagen mit konkreten Zahlen belegen.“