Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 13.06.2019


Bezirk Reutte

Keine Mitarbeiter: Küchen in Außerferner Gaststätten bleiben zu

Die demografische Bombe platzt: Außerferner Hotels und Wirtshäuser beginnen wegen unglaublichen Personalmangels das À-la-carte-Geschäft zu streichen oder schließen überhaupt gleich ihre Küchen.

Auch Traditionshäuser wie das Goldene Lamm in Weißenbach ringen vergeblich um Mitarbeiter.

© Nikolussi HansAuch Traditionshäuser wie das Goldene Lamm in Weißenbach ringen vergeblich um Mitarbeiter.



Von Helmut Mittermayr und Simone Tschol

Außerfern – Die Entwicklung ist eine schleichende – und sie setzt den Betrieben im Bezirk Reutte immer mehr zu. Vor allem im Tourismus wird die schiere Not an Mitarbeitern immer erdrückender. REA-Geschäftsführer Günter Salchner nannte es vor Kurzem „eine demografische Katastrophe“, die in alle Bereiche des Lebens hineinwirke. Fachleute würden darauf hinweisen, dass 1963 genau doppelt so viele Kinder in Österreich zur Welt gekommen seien wie heute. Im Außerfern erblickten 2018 am BKH Reutte gerade noch 291 Kinder das Licht der Welt. Eine überschaubare Zahl, mit der – ohne Zuzug – der ganze Bezirk „bedient“ werden muss. Dass dies von Jahr zu Jahr immer noch schwieriger wird, zeigt sich im Tourismus.

Das Goldene Lamm in Weißenbach wird die Sommersaison im Restaurant mit Ende Juni vorzeitig beenden. „Es bleibt uns nichts anderes mehr übrig. Letztes Jahr hatten wir schon Probleme, einen Koch zu finden. Heuer gibt’s keine Köche und keine Kellner mehr. Der Markt ist anscheinend komplett leer“, meint Corina Schweißgut, die 2013 gemeinsam mit ihrem Mann René das seit 1936 in Familienbesitz befindliche Haus übernommen hat. „Weder Initiativen wie Postwurfsendungen, Schreiben an Tourismusschulen oder die Mitarbeitersuche im Allgäu seien von Erfolg gekrönt gewesen. Über das AMS haben wir zuletzt vor vier Jahren einen Koch bekommen – das ist aussichtslos. Wir haben es auch schon mit zwei Ruhetagen in der Woche probiert, in der Hoffnung, Personal mit einer 5-Tage-Woche anlocken zu können. Aber auch das macht offenbar keinen Unterschied“, zeigt sich die Wirtin ratlos und schildert ihre Notlage: „Letzte Woche sind plötzlich alle drei Teilzeit-Servicekräfte im Krankenstand gewesen. Dann ist der Seniorchef eingesprungen, um mitzuhelfen. Als dann aber auch noch die Uroma mit ihren 86 Jahren gekommen ist, um das Besteck zu polieren, hab’ ich gesagt: ,So geht das nicht. Wir müssen die Reißleine ziehen.‘“

Die Konsequenz: Ab 1. Juli bleibt das Restaurant geschlossen. Gekocht wird nur noch für die Hausgäste. Ob das Restaurant wieder aufsperrt, bezweifelt die Gastronomin. „Ich würde schon aufmachen. Die Gäste wären ja da. Aber mit dieser Personalsituation sehe ich ehrlich gesagt keine Chance.“ Die größte Konkurrenz sieht Schweißgut in den großen Außerferner Industriebetrieben: „Manche gehen in die Gastronomie, bis sie dort einen Job bekommen, und dann sind sie weg – für immer.“ Allein bei Plansee sind 50 ausgelernte Köche in der Produktion tätig (Stand 2016).

Dunkle Wolken auch über einem der gastronomischen Aushängeschilder des Bezirkes – dem Kreuz in Rieden. Heinz Saletz: „Wir haben leider so wenig Servicepersonal, dass wir alles umstellen müssen und künftig am Nachmittag geschlossen haben werden. Auch bei schönstem Wetter. Auch am Wochenende. Für uns keine einfache Situation, da wir ja keine Zimmer vermieten.“ Im Moment werde alles angedacht – bis hin zur Schließung. Leidtragende seien unter anderem auch die vielen Lechwegwanderer.

Zwei Wirte bekannter Häuser, die die Küche geschlossen und auf Zimmer/Frühstück umgestellt haben – im Tannheimer Tal oder Lechtal –, wollen ihre Häuser öffentlich nicht genannt haben. Der Chef des Hotels Laterndl in Nesselwängle, Peter Zotz, hat kein Problem mit Öffentlichkeit. „Das À-la-carte-Geschäft haben wir schon länger eingestellt. Das hatte aber mit innerbetrieblichen Abläufen und nichts mit Personalnotstand zu tun.“ Er wisse aber von Kollegen, dass die Lage mehr als prekär sei. „Ich bin jetzt 60 Jahre Gastronom. So eine kritische Situation habe ich noch nie erlebt.“ Zotz schlägt vor, den Arbeitsmarkt für Philippiner zu öffnen. Das funktioniere doch auch auf Schiffen.

Gabi Koch vom Hotel Maximilian in Ehenbichl zieht den Hut vor ihrer Schwägerin, „die 18 Stunden am Tag arbeitet. Sonst können wir es gleich lassen.“ Viele Unternehmer in der Branche würden um ihre Gesundheit kommen, so hart gehe es zu. Die Küche ist Sonntag zu Mittag nicht mehr geöffnet. „Erstmals hatten wir auch am Muttertag geschlossen. Auch so manche Hochzeit musste mangels Personal abgelehnt werden“, sagt die Hotelierin.

Die Lilie in Höfen wird bereits seit Oktober 2017 im „Sparmodus“ geführt. Dort gibt es nur noch Übernachtung mit Frühstück. Inhaber Rainer Tauber malt schwarz: „Das wird sich nicht zum Guten wenden – im Gegenteil. Die jetzige Situation ist erst die Vorstufe. Das kommt noch viel schlimmer. Aber es wird nichts dagegen unternommen, auch nicht von Seiten der Politik.“

„Die Kunst ist es, klein zu bleiben“, lautet das Motto von Jürgen Friedle, Wirt des Gasthofs Hochvogel in Hinterhornbach. Auch er kocht seit drei Jahren nur noch für Hausgäste und in Einzelfällen auf Vorbestellung.