Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 14.06.2019


Tirol

Russland-Gipfel in Mieming: Damit der Rubel wieder stärker rollt

Tiroler Unternehmen, die Tirol Werbung, Innsbruck Tourismus und die Österreich-Werbung luden zum Russland-Gipfel auf das Mieminger Plateau. Die Russen sollen Lust auf den Sommer bekommen.

Der russische Gast mag Berge und Attraktionen. Viele Russen müssen Ski fahren erst lernen.

© Tirol WerbungDer russische Gast mag Berge und Attraktionen. Viele Russen müssen Ski fahren erst lernen.



Von Anita Heubacher

Mieming — „Krasivyy" schwärmt eine russische Reise­veranstalterin beim Anblick der Berge und des satten Grüns am Mieminger Plateau. Krasivyy heißt wunderschön. Für die Österreich Werbung und Tirol Werbung wäre es noch viel schöner, wenn der Anteil der russischen Gäste wieder steigen würde.

Seit 2014, seit den EU-Sanktionen, ist der russische Markt stark eingebrochen. Das ist auch der Grund dafür, warum die Tourismuswerber russische Geschäftspartner und Reiseveranstalter nach Tirol und gestern zum Russland-Gipfel auf das Mieminger Plateau geladen haben.

Das Potenzial des Marktes sei groß, meinen Experten. Der Sommer soll ein stärkerer Magnet für Russen werden.
Das Potenzial des Marktes sei groß, meinen Experten. Der Sommer soll ein stärkerer Magnet für Russen werden.
- Tirol Werbung

1,2 Millionen Nächtigungen kamen 2018 in Österreich durch russische Gäste zusammen, 90 Prozent davon in Wien, Tirol und Salzburg. „Die restlichen zehn Prozent müssen sich die anderen Bundesländer aufteilen", sagt der Russland-Experte der Österreich Werbung, Gerald Böhm. Der russische Markt hat Potenzial, darüber waren sich gestern alle einig. Der Reisefreudigkeit der Russen werden allerdings Steine in den Weg gelegt.

Russen brauchen ein Visum, das stellen die österreichischen Behörden für die Dauer der Reise auch aus, hinken aber damit anderen Destinationen hinterher. „Italien oder Andorra machen es den Russen viel leichter einzureisen, dementsprechend hat sich der Markt verlagert", sagt der russische Reiseveranstalter Maxim Pristavk­o. „Österreichs Marktanteil ist innerhalb weniger Jahre dramatisch gesunken." 2011 sei Österreich bei den Russen noch die Nummer 1 gewesen, inzwischen habe Italien Österreich den Rang abgelaufen.

Die Top 3 - Russische Besonderheiten

  1. Lieblingsziele: Am beliebtesten bei den Russen ist Wien mit 241.000 Nächtigungen im Winter, Sölden mit 51.000 und Mayrhofen mit 45.000.
  2. Reisezeit: Zwei Drittel der Übernachtungen finden im Winter statt, der Sommer steigt leicht. Russen brauchen ein Visum, keine Reisefreiheit.
  3. Kosten: Russen urlauben am liebsten im Vier- und Fünf-Sterne-Hotel. Heute kostet ein Euro 72 Rubel, 2008 wurden nur 30 Rubel fällig.

Und noch etwas ortet Pristavko als Grund: „Reiseveranstalter bekommen in Österreich keine Provision." Anderswo schneiden russische Reiseveranstalter beim Verkauf eines Skipasses ebenso mit wie beim Hotelpreis. Der Direktor der Tirol Werbung, Florian Phleps, will das so nicht stehen lassen. „Es gibt bei uns Destinationen, die mit Reiseveranstaltern arbeiten und auch Provisionen bezahlen." An und für sich habe sich aber der „etwas ältere Tiroler Tourismus" hin zum Individualgast entwickelt. Das eine schließe das andere nicht aus, meint Phleps. Auf die Sanktionen der EU gegen Russland wegen der Krim­krise hat das Land geantwortet: Das Regime weist seit 2014 seine Beamten an, nicht mehr in EU-Länder zu reisen. „Hohe Minister müssen dies auf jeden Fall beherzigen, der einfache Straßenpolizist nimmt es vielleicht weniger genau", sagt Österreich-Werber Böhm. „Einschränkend wirkt das allemal."

Visumpflicht, keine Reisefreiheit und der Verfall des Rubels sorgen dafür, dass der Markt das alte Niveau nicht mehr erreicht. Zwei Drittel der Nächtigungen kommen im Winter zustande, Tirol schneidet sehr gut ab. Allerdings erhalten wir Konkurrenz. Russland buhlt mit drei Skigebieten um Gäste, ebenso wie der Kaukasus (siehe Kasten). In Mieming sind die Tourismus-Werber deshalb bemüht, den Russen den Sommer schmackhaft zu machen. „Krasivyy."

Gerangel um Skifahrer und ein islamisches Skigebiet

Im Kaukasu­s schaue man sich viel von Skigebieten in Österreich und in Frankreich ab, meint Khasa­n Timizhev, Geschäftsführer des Skigebietsverbandes Nordkaukasu­s mit drei Skigebieten in Russland.

Timizhev ist nach Miemin­g gekommen, um den Touristikern hier zu erklären, dass man sich nicht als direkte Konkurrenz seh­e. „Unsere Skigebiete sind perfekt zum Einsteigen und verfügen zwischen 25 und 50 Pistenkilometern." Die Skigebiete fangen bei 2000 Metern Seehöhe an und reichen, so wie auf dem Elbru­s, bis 3847 Meter. Pro Jahr fährt man dort ein Gästeplus von 30 Prozent ein. „Erst drei Prozent der Russen fahren Ski. Je mehr Skigebiete es weltweit gibt, desto mehr fahren Ski." Im Kaukasus findet sich mit Veduchi auch das erste islamische Skigebiet. „Es ist kleiner, erschwinglich und für Einheimische ideal", erzählt Timizhev.

Am meisten ziehe es die russischen Skifahrer nach Sotschi, in den Kaukasus, in den Ural und nach Sibirien. Der russische Skifahrer hat also noch Entwicklungs­potenzial.

Innsbrucks Tourismus-Chefin Karin Seiler-Lall hat für einen neuen Typ an Skifahrer Produkte entwickeln lassen. „Immer weniger wollen sechs Tage, acht Stunden am Tag Ski fahren." Im Oktober 2019 bringt Innsbruck Tourismus den Ski-City-Pass heraus. Der Gast kann mit einer Karten zu einem Preis, 13 Skigebiet­e und 22 Ausflugsziele besuchen. (aheu)