Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 13.07.2019


Exklusiv

Vor der Pension in die Arbeitslose: Abstellgleis oder Auszeit?

Kurz vor dem Pensionsantrittsalter steigt die Arbeitslosenquote, österreichweit und in Tirol. Das Wirtschaftspolitische Zentrum schlägt Alarm. Das AMS verweist auf die geringe Betroffenenzahl in Tirol.

Elf Prozent der 64-jährigen Männer in Tirol stehen nicht bis zum Pensionsantritt im Arbeitsleben. Warum kurz vor dem Pensionsantrittsalter die Arbeitslosigkeit steigt, ist umstritten.

© iStockElf Prozent der 64-jährigen Männer in Tirol stehen nicht bis zum Pensionsantritt im Arbeitsleben. Warum kurz vor dem Pensionsantrittsalter die Arbeitslosigkeit steigt, ist umstritten.



Von Anita Heubacher

Wien, Innsbruck – Mit 59 Jahren steigt die Arbeitslosenquote bei den Tirolerinnen rapide an. Zehn Prozent der 59-Jährigen waren letztes Jahr als arbeitslos gemeldet, bei den 58-Jährigen sind es acht Prozent, bei den 57-Jährigen sieben. Im Vergleich zu 2013 hat sich die Situation in Tirol zugespitzt. Die Grafik zeigt eine eindrucksvolle Spitze für 2018 und eine flachere, aber ähnliche Kurve für 2013.

Auch bei den Männern sieht es in Tirol ähnlich aus. Knappe elf Prozent der 64-Jährigen sind als arbeitslos gemeldet, bei den 63-Jährigen sind es letztes Jahr rund acht Prozent. Im Vergleich zu 2013 hat sich auch bei den Männern die Spitze in Richtung Pensionsantrittsalter verschoben.

Die Grafik hat Johannes Schranz vom Arbeitsmarktservice Tirol für die TT erstellt. Die Interpretation fällt, je nachdem, wen man fragt – Ökonomen oder das AMS –, unterschiedlich aus. Das AMS stellt auch für Tirol einen Anstieg der Arbeitslosigkeit kurz vor dem Pensionsantritt fest. „Die Arbeitslosigkeit dieser Personengruppe liegt in Tirol aber auf deutlich niedrigerem Niveau als im Österreichschnitt“, betont AMS-Vizechefin Sabine Platzer-Werlberger. „Konkret waren 2018 rund 450 Personen kurz vor der Pension arbeitslos gemeldet.

Das beruhigt Ulrich Schuh vom Wirtschaftspolitischen Zentrum WPZ Research in Wien überhaupt nicht. Er hatte letzte Woche im Standard Alarm geschlagen und spricht gegenüber der TT von österreichweit mindestens 2000 Fällen, das AMS von 4000. „Es geht nicht um die absoluten Zahlen, es geht um den Anteil von Arbeitslosen in einer Jahrgangsgruppe, also die Arbeitslosenquote und den indirekten Schaden“, sagt er. Mit dem indirekten Schaden meint der Ökonom, „dass die Politik und das AMS die falschen Schlüsse aus den vorliegenden Daten für das Pensionssystem ziehen“. Schuh war jahrelang Mitglied in der Pensionskommission und liest die Grafik so: „Da treffen sich die Interessen der Arbeitgeber- und der Arbeitnehmerseite und es wird auf Kosten des AMS, also der Allgemeinheit, eine Auszeit vor dem Pensionsantritt genommen“, sagt Schuh. „Man macht ein paar Monate früher Schluss. Das ist ein Problem, weil die Babyboomer in den kommenden Jahren pensionsreif werden.“ So ein Verhalten sei auf Seiten der Arbeitgeber „völlig widersinnig“, verweist Schuh auf die Demografie. Die Schere zwischen Alt und Jung geht in Österreich immer weiter auseinander. Vielen älteren Arbeitnehmern stehen immer weniger Junge gegenüber. Für den Arbeitsmarkt heißt das, dass ältere Arbeitnehmer länger gebraucht werden, weil nicht genügend Junge nachkommen.

Eine Entwicklung, die sich offenbar auch aufgrund der guten Konjunktur am Tiroler Arbeitsmarkt bereits bemerkbar macht. „So eine Situation wie jetzt habe ich persönlich noch nie erlebt. So gute Chancen, einen geeigneten Job zu finden, hatten jüngere und ältere Arbeitnehmer schon lange nicht mehr“, sagt Platzer-Werlberger. Kurz vor der Pension in die Arbeitslose zu flüchten, sei schwierig, weil es so viele offene Stellen gibt. „Drei Monate vor dem fixen Pensionsantritt wird nicht mehr vermittelt, sonst aber schon.“

In den 1980er- und 1990er-Jahren sei die Altersgruppe 50 + oft in die Frühpension verabschiedet worden, jetzt nicht mehr, sagt die AMS-Vizechefin. Einige Arbeitgeber hätten reagiert und Jobs altersgerechter gemacht. „Und auf Arbeitnehmerseite reicht in Tirol oft der Blick auf das in vielen Fällen magere Pensionskonto.“

Ökonom Schuh bleibt dabei: Die Korrelation zwischen Anstieg der Arbeitslosigkeit und dem Pensionsantrittsalter erkennt er nicht nur 2018, sondern auch bei ähnlicher Wirtschaftslage 2013. „Verschiebt sich das durchschnittliche Pensionsantrittsalter, verschiebt sich die Spitze bei der Arbeitslosigkeit.“ Der Ökonom verweist auf die Lücke zwischen offiziellem Pensionsantrittsalter und Pensionsantrittsverhalten. 2018 gingen die Österreicher mit 61,3 Jahren in Pension, die Frauen mit 59,3. Je nach Jahrgang sollte es höher sein. Für Männer, geboren ab 1. Jänner 1954, ist das Antrittsalter das vollendete 62. Lebensjahr. Für Frauen wird das Antrittsalter schrittweise vom 57. auf das 62. Lebensjahr angehoben.

Die Grafiken hat sich auch Dénes Kucsera vom Thinktank Agenda Austria angeschaut. Die Schlüsse seines Berufskollegen Schuh liest Kucsera aus den Daten nicht heraus. „Die Arbeitslosenquote bei den über 50-Jährigen ist auf jeden Fall zu hoch. Ob sie freiwillig oder unfreiwillig kurz vor der Pension aus den Jobs ausscheiden, darüber lässt sich streiten.“

Er verweist darauf, dass ältere Arbeitnehmer sehr lange Jobs suchen. „Im Durchschnitt ist ein über 60-Jähriger mehr als 306 Tage ohne Job. Bei den 55- bis 59-Jährigen dauert die Jobsuche 185 Tage“, sagt Kucs­era. Was ihn noch beunruhigt, ist, dass 52 Prozent der Langzeitarbeitslosen über 50 Jahre alt sind und das Pensionsantrittsalter noch immer zu niedrig ist.


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