Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 09.08.2019


Exklusiv

Langsames Umdenken: Chat statt Dienstreise per Flieger

Gibt es den Greta-Thunberg-Effekt bei Dienstreisen? Tiroler Firmen und Organisationen ziehen jedenfalls Videochats und Öffis dem Fliegen immer öfter vor. Das senkt Stress und Kosten.

Die Zahl der Dienstreisen sinkt in Österreich. Mit „Flugscham“ hat das nichts zu tun.

© iStockDie Zahl der Dienstreisen sinkt in Österreich. Mit „Flugscham“ hat das nichts zu tun.



Von Nina Werlberger

Innsbruck — Die heiße Debatte um klimaschädliche Flieger und „Flugscham" lässt auch Tirols Unternehmen nicht kalt. Völlig aufs Fliegen zu verzichten, wie das die junge Klimaaktivistin Greta Thunberg tut, kommt für die meisten allerdings nicht in Frage. Das Bewusstsein fürs nachhaltige Reisen steigt in den Chefetagen trotzdem. Meist sind es dennoch handfeste wirtschaftliche Motive, warum die Unternehmen und Organisationen ihre Dienstreisen zurückschrauben. Das Fliegen wird zunehmend durch Videokonferenzen ersetzt.

Die Felder-Gruppe stellt Maschinen für die Holzverarbeitung her. 95 Prozent der in Hall gefertigten Maschinen gehen in den Export. „Da sind natürlich direkte Kundengespräche und Kundenbesuche immer wieder notwendig", erklärt Geschäftsführer Hansjörg Felder. Trotzdem versuche man, aus ökonomischen und umwelttechnischen Gründen die Dienstreisen auf einem „kundenverträglichen Minimum" zu halten. „Dazu verwenden wir alle nur möglichen modernen Kommunikationsmittel, die uns als Ersatz für die Dienstreise zur Verfügung stehen", betont Felder. Der Aufwand für Geschäftsreisen habe im Verhältnis zum Umsatz in den vergangenen Jahren reduziert werden können.

Der Pharmakonzern Sandoz setzt bereits verstärkt auf Videochats, Telefonkonferenzen und Co. und betont, Dienstreisen nur dort einzusetzen, wo sie tatsächlich notwendig seien. „Dabei unterstützen wir die Nutzung der Bahn, sofern Autofahrten und Flugreisen nicht zwingend nötig sind", erklärte die Novartis-Tochter gegenüber der TT. Ziel sei es, „den ökologischen Fußabdruck zu optimieren". Zwischen den Tiroler Standorten in Kundl und Schaftenau gibt es beispielsweise einen Shuttle­service, außerdem werden Bahnfahrten gefördert.

Beim Land Tirol ist der Verzicht aufs Fliegen jedenfalls ein Thema. Ein Landesmitarbeiter legt im Schnitt pro Jahr eine Strecke als Dienstreise zurück, die in etwa einer Fahrt von Innsbruck nach Wien und wieder zurück entspricht. Das berichtet Florian Kurzthaler, Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit. Den Flieger dürften die Mitarbeiter des Landes nur dann nehmen, wenn es zwingend erforderlich sei, eine wesentliche Zeitersparnis bringe und die Kosten vertretbar seien. Für Dienstfahrten sollen die Landesbediensteten vorrangig die Öffis oder eines von 16 E-Fahrzeugen nehmen, die angeschafft wurden.

Anton Rieder ist Chef der gleichnamigen Unterländer Baufirma und Bau-Innungsmeister in der Wirtschaftskammer Tirol. Der Bedarf an Dienstreisen sei vor allem in der Bauindustrie ein Thema, sagt er. Mit Blick auf den Umweltschutz werde „klarerweise versucht, die Dinge zu optimieren". Im eigenen Betrieb stellt Rieder gerade die gesamte Infrastruktur um, sodass Besprechungen künftig verstärkt über Videochat und Co. stattfinden können. Das soll vor allem bei Mitarbeitern den Stresspegel senken, die viel unterwegs sind. „Ich erwarte mir hier einiges", sagt Rieder. Allerdings brauche ein solcher Kulturwandel auch Zeit und man überlasse es den Mitarbeitern, wie sehr sie die neuen Angebote nützen möchten.

Österreichweit geht die Zahl der Dienstreisen seit einigen Jahren zurück (siehe Box). Was auffällt: Früher hat es einen Zusammenhang zwischen dem Wirtschaftswachstum und der Zahl der Dienstreisen gegeben. Das ist heute nicht mehr so, erklärt Wilfried Kropp, Autor der Geschäftsreisestudie 2019 der Austrian Business Travel Association. „Grund dafür sind strukturelle Entwicklungen innerhalb von Unternehmen: Vor allem die Zahl der internen Geschäftsreisen sinkt stark; diese werden zunehmend ersetzt durch Video- oder Telefonkonferenzen."

Aber auch hier scheint es noch Luft nach oben zu geben. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft nützt ein Fünftel der Unternehmen im Nachbarland neue Medien gar nicht. Die Wirtschaftsforscher schätzen, dass die deutsche Wirtschaft acht Mrd. Euro bei Dienstreisen einsparen könnte, wenn sie mehr auf Videochats setzen würde. Bricht man das auf Österreich herunter, könnten sich die heimischen Betriebe schätzungsweise 800 Mio. Euro sparen.

Clemens Satke, Unternehmensberatung SHS.
Clemens Satke, Unternehmensberatung SHS.
- SHS

Reise-Bremse wegen Tempo statt Umwelt

Beobachten Sie Veränderungen bei den Geschäftsreisen?

Clemens Satke: Ich bin selbst Wochenend-Wiener und jahrzehntelang die Strecke Innsbruck — Wien geflogen. Wenn ich mir das Passagiervolumen auf dieser Rennstrecke anschaue, dann behaupte ich, dass sich dieses in den vergangenen zehn Jahren halbiert hat. Das Reiseverhalten in den Unternehmen hat sich drastisch verändert. Videokonferenzen ersetzen sehr viele Termine innerhalb von Unternehmensgruppen. Wo es noch Luft nach oben gibt, ist bei Kontakten mit Kunden und Behörden. Aufholbedarf hat der öffentliche Sektor.

Ist der Umweltschutz ein Grund für Tiroler Firmen, aufs Fliegen zu verzichten?

Satke: Ich wüsste kein Unternehmen, bei dem das so ist. Marketingmäßig nach außen? Ja. Real geht es um Zeit und Geschwindigkeit. Mit Videokonferenzen schaffe ich drei bis fünf Termine an einem Tag statt in einer Woche.

Warum gibt es trotzdem noch so viele Dienstreisen?

Satke: Was bei einer Videokonferenz zu kurz kommt, ist der persönliche Kontakt. Diese informelle, chemische Achse kann im direkten Gespräch viel besser abgedeckt werden. Das ist ein Grund, warum noch so viel gereist wird.

Hat die Dienstreise als Statussymbol ausgedient?

Satke: Schon lange. Die Mitarbeiter haben die Veränderungen angenommen. In der Generation Y sind viele froh, wenn sie am Abend nach Hause kommen und nicht auswärts übernachten müssen. Das hilft auch ihrer Work-Life-Balance.

Das Interview führte Nina Werlberger

Weniger Dienstreisen, aber hohe Kosten: Firmen zahlen 1,3 Milliarden für Flugtickets

Die Zahl der Geschäftsreisen ist zuletzt gesunken, aber die österreichischen Firmen geben dafür weiterhin konstant viel Geld aus. Das geht aus der diesjährigen Geschäftsreisemarkt-Studie der Austrian Business Travel Association hervor. 3,2 Mrd. Euro zahlten die Betriebe im Berichtsjahr 2017 für Flugtickets, Hotelbetten und Verpflegung. 7,7 Mio. Reisen fielen bundesweit an — ein Minus von fast zehn Prozent gegenüber dem Jahr zuvor. Mitarbeiter und Chefs waren in Summe 19 Mio. Tage dienstlich unterwegs. Im Schnitt dauerte eine Geschäftsreise 2,5 Tage und kostete pro Tag durchschnittlich 166 Euro.

Für Flugtickets gaben die Firmen allein 1,3 Mrd. Euro aus. Obwohl damit die Flugreisen gegenüber 2015 um mehr als zehn Prozent zurückgegangen sind, wird weiterhin auf hohem Niveau abgehoben: Zwei Mio. Flugtickets wurden zuletzt für Geschäftsreisende gekauft.

Die Preise für die Tickets stiegen zuletzt deutlich. Für Tagesreisen zahlten die Firmen im Schnitt 421 Euro pro Ticket, bei mehrtägigen Reisen 752 Euro und bei Flügen außerhalb Europas 1299 Euro. Laut den Studienautoren könnten die Firmen theoretisch einige Millionen sparen, wenn sie Reisen frühzeitiger planen würden.

Das Auto wird weiterhin mit Abstand am häufigsten genützt, wenn es auf Geschäftsreise geht. Jede zweite Dienstreise wird auf vier Rädern erledigt. 340 Millionen Euro werden in Österreichs Firmen für Autofahrten ausgegeben.

Tiroler Dienstreisen weist die Statistik nicht extra aus. Was Studienautor Wilfried Kropp allerdings kennt, sind die Geschäftsreisen von Österreichern nach Tirol. Hier wurden 2016 rund 199.000 mehrtägige Reisen mit rund 500.000 Übernachtungen registriert. Nicht erfasst sind die eintägigen Reisen.