Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 11.09.2019


Standort Tirol

„Viele wollen sich nicht mehr für andere verausgaben“

Der demographische Wandel versetzt die junge Generation in die Lage, am Arbeitsmarkt Forderungen zu stellen, betont einer ihrer Vertreter.

Abschließende Diskussionsrunde beim Adlerforum in Innsbruck (von links): Moderatorin Anita Heubacher (TT), Bernhard Heinzlmaier, Lena Stockinger, (Jugendredewettbewerb-Siegerin), Margarete Schramböck, Joe Empl, Philipp Riederle und Ali Mahlodji.

© promedia gerhard bergerAbschließende Diskussionsrunde beim Adlerforum in Innsbruck (von links): Moderatorin Anita Heubacher (TT), Bernhard Heinzlmaier, Lena Stockinger, (Jugendredewettbewerb-Siegerin), Margarete Schramböck, Joe Empl, Philipp Riederle und Ali Mahlodji.



Innsbruck – Work-Life-Balance statt steiler Karriere? Die junge Generation der „digital natives“ stelle sich zunehmend die Frage nach dem Sinn ihrer Arbeit, konstatiert der Wiener Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier. „Für immer mehr junge Menschen macht es keinen Sinn mehr, sich für andere zu verausgaben“, erklärte Heinzlmaier gestern im Vorfeld des Wirtschaftsforums der Unternehmensvereinigung Tiroler Adler Runde, das sich am Abend im Rahmen einer ­Podiumsdiskussion unter anderem mit der Frage beschäftigte, wie die junge Generation der „digital natives“ tickt und worauf sich die Firmen einstellen müssen. Denn der Fachkräftemangel bleibe für Unternehmen das dringendste Problem, erklärten Anton Pletzer und Ingeborg Freudenthaler von der Adler Runde. Freudenthaler beklagte, dass man mangels Mitarbeitern bereits Aufträge ablehnen müsse.

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Die neue Generation geht laut Heinzlmaier am Arbeitsmarkt sehr pragmatisch vor: „Man will nur eine gewisse Zeit investieren und dann den Ertrag ernten“, so der Experte. Das sei gleichzeitig aber auch eine hochvernünftige unternehmerische Einstellung, die vor allem jene mit besserer Bildung einnehmen würden, betonte Heinzlmaier. „Die so genannten Performer sind tot.“

Seine Generation sei jedenfalls motiviert, erklärte Philipp Riederle. Der 24-jährige Deutsche machte sich seit 2008 über einen eigenen Internet-Podcast und zwei Bücher einen Namen und berät inzwischen Unternehmen und Politiker, die wissen wollen, wie denn seine Generation so tickt. Neben einem Wertewandel sei es vor allem der demographische Wandel, der seine Generation am Arbeitsmarkt in eine vorteilhafte Position bringt. Sprich: Viele offene Stellen treffen derzeit auf eine vergleichsweise geringere Zahl junger Menschen. „Der demographische Wandel gibt uns die Macht, dass wir fordern und es uns aussuchen können“, so Riederle. Um gleichzeitig zu betonen, dass Macht, Geld und Status für die Jugend nicht mehr so wichtig seien. Seine Generation suche „Sinn und Verwirklichung“ und wolle „jeden Tag Neues lernen“.

Ali Mahlodji, Gründer der Berufsorientierungsplattform whatchado, sieht es ähnlich. „Die Jugend ist nicht faul. NGOs werden sogar überlaufen, weil Junge darin einen Sinn sehen“, meint Mahlodji. Die Nachkriegsgenerationen hätten es zu Wohlstand gebracht, den die junge Generation nun kaum mehr steigern könne. Die Herausforderung für Unternehmen sei es, allen Generationen auf Augenhöhe zu begegnen. (mas)