Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 28.09.2019


Innsbruck

Das Ende einer Ära: “Bürgermeister der Anichstraße“ geht in Pension

Der „Bürgermeister der Anichstraße“ geht in Pension. Nach 48 Jahren legt Peter Klingler, Prokurist des Herrenausstatters Schmitt und Lair, sein „Amt“ nieder. Ein Blick auf seine textile Karriere.

Peter Klingler, der längstgediente Mitarbeiter in der Anichstraße, hat Kunden 48 Jahre lang beraten.

© RachléPeter Klingler, der längstgediente Mitarbeiter in der Anichstraße, hat Kunden 48 Jahre lang beraten.



Von Judith Sam

Innsbruck – Der Weg vom Verkaufsraum zum Büro des Innsbrucker Herrenausstatters Schmitt und Lair beträgt wenige Meter. Trotzdem braucht Peter Klingler gut zwei Minuten, um ihn zurückzulegen – was nichts mit dem Alter des bisherigen Geschäftsführers und Prokuristen zu tun hat. Denn Klingler schreitet trotz seiner 63 Jahre flott voran – federnde Schritte, aufrechte Haltung und seine tadellose Kleidung nicht zu vergessen: „Es ist keine Seltenheit, dass ich während des Tages mein Hemd wechsle. Man muss als Verkäufer frisch aussehen.“ Die zugehörigen Kleidungsstücke kauft er, wie könnte es anders sein, in „seinem“ Haus: „Wo der teuerste Anzug derzeit 1398 Euro kostet.“

Doch zurück zur anfänglichen Frage, warum Klingler – der nach 48 Jahren im Dienst nun in Pension ging – so lange unterwegs zum Büro ist. „Oh, der Herr ,Bürgermeister der Anichstraße‘, meine Verehrung“, begrüßt ein Kunde ihn. Den Spitznamen trägt der zweifache Vater und vierfache Opa, weil er der längstdienende Mitarbeiter in der Anichstraße war. Nach kurzem Plaudern mit dem Kunden tritt Klinglers Nachfolger auf ihn zu: „Wie viel Prozent bekommt dieser Herr am Telefon?“ „Fünf“, kommt die Antwort – ohne zu zögern.

Klinglers Gedächtnis ist seit jeher hervorragend: „Das ist die Grundregel für einen guten Verkäufer. Ich weiß, was meine Kunden vor Jahren erstanden haben. Zu unseren Käufern – meist Politiker, Ärzte, Rechtsanwälte – zählen einige, die Gemeinschaftspraxen haben. Kaufen etwa vier dieser fünf Anwälte bei mir ein, rate ich ihnen, etwas zu wählen, das die anderen nicht haben. Wäre ja noch schöner, wenn sich Kollegen im selben Outfit treffen. Ein Kunde bekommt auch kein braunes Sakko von mir, wenn er schon ein ähnliches erstanden hat.“ Die Worte klingen rigoros, beinahe irritierend, doch Regel Nummer zwei für den guten Verkäufer lautet: „Es kommt nicht darauf an, dass die Kasse klingelt, sondern dass der Kunde typgerecht beraten wird und kauft, was sitzt.“

Der einstige kaufmännische Angestellte, der schon als Schüler Obst verkaufte, ist offenbar ebenso Verkäufer wie Psychologe. Eine wichtige Fähigkeit, denn – Regel drei – auch die Gattin des Kunden muss involviert werden: „Die Frau fällt 70 bis 80 Prozent der Entscheidungen. Während Frauen vorausschauend kaufen und im Sommer schon die Kleidung für den nächsten Winter im Schrank deponiert haben, geht der Mann erst auf die Suche nach der neuen Daunenjacke, wenn die ersten Flocken fallen oder die Frau ihn dazu drängt.“

So simpel die Theorie klingt, so schwierig ist die Umsetzung. So manchem Verkaufsneuling dürfte Schweiß auf die Stirn treten, wenn die Frau ihrem Mann eine Jacke einreden will, die ihm nicht passt. Der gebürtige Telfer hingegen sagt, was er denkt. Galant formuliert, versteht sich: „Daraus resultieren zwar irritierte Blicke, aber Hauptsache, die Wahrheit ist ausgesprochen.“

Der „Bürgermeister“ hat gelernt, die Größe seiner Kunden innerhalb von Sekunden einzuschätzen. Regel vier. Kein leichtes Unterfangen, denn während es bei Damenmode zehn bis zwölf Größen gibt, sind es bei den Herren 25.

Die psychologische Königsklasse sind Hochzeitsgesellschaften, wo bis zu sechs Familienmitglieder kommen, die sich trotz unterschiedlichen Geschmacks für einen Anzug für den Bräutigam entscheiden müssen. Doch ein Routinier moderiert auch solche Kunden souverän hin zum richtigen Kleidungsstück.

Denn nur durch das Service der Beratung kann Einzelhandel weiterhin bestehen: „Die Online-Konkurrenz merkt man bei der Mittelschicht. Die wird dünner. Existenzsorgen müssen wir uns aber nicht machen. Schließlich gibt es bei uns die aktuellste Ware.“

Das Sortiment wird viermal jährlich gewechselt, zusätzlich folgen alle drei Wochen Zwischenkollektionen. Die Trends, die das „Schmitt und Lair“-Schaufenster zieren, hat Klingler auf Messen in Florenz und Mailand ausgesucht: „Ich kann mir zugutehalten, dass ich keinen Trend verschlafen habe. Wobei ich so manchen nicht nachvollziehen konnte – Bundfaltenhosen oder breite Reverse etwa.“

Die aktuelle Mode – mitunter bestehend aus karierten Hosen und Glencheck-Mänteln – trägt Klingler jedoch auch gern privat: „Apropos privat: Ich sehe meinem Ruhestand mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegen. Weinend, weil ich die Kunden und Mitarbeiter nicht mehr so oft sehen werde. Lachend, da ich jetzt mehr Zeit für Familie und Sport, wie Ski- und Radfahren, habe.“

Auch wenn Klingler sich künftig nur noch privat mit Mode befasst, wird er ein Credo beibehalten: „Ich werde nie verraten, wie viel der Anzug eines Kunden gekostet hat oder wie viel Prozent er bekommt.“ Regel fünf: Diskretion.

Das Ende dieser Verkäufer-Ära ist nicht nur für Klingler eine Veränderung. Auch so mancher Kunde wird den einzigen „Bürgermeister“ Österreichs, der wohl ebenso von Grünen- wie FPÖ-Anhängern gewählt würde, vermissen.