Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 03.10.2019


Bezirk Reutte

Lage am Außerferner Arbeitsmarkt wird immer schärfer

Auch Architekturbüros verzweifeln – im Außerfern sind weit und breit keine Mitarbeiter zu finden und von außerhalb ist niemand zu bewegen, über den Fernpass zu kommen. Bürochef hofft auf Naturpark als Lockmittel.

Eine Idee der Reuttener Planer vom Architekturbüro Walch und Partner: Schon knapp nach der Grenze könnte bei der Vilser Wildwechselbrücke für Jobs im Naturpark geworben werden. Ähnlich könnte an der Autobahnabfahrt in Mötz Reklame gemacht werden.

© Architekturbüro WalchEine Idee der Reuttener Planer vom Architekturbüro Walch und Partner: Schon knapp nach der Grenze könnte bei der Vilser Wildwechselbrücke für Jobs im Naturpark geworben werden. Ähnlich könnte an der Autobahnabfahrt in Mötz Reklame gemacht werden.



Von Helmut Mittermayr

Reutte, Innsbruck – „Wir bekommen in Reutte einfach keine Mitarbeiter mehr.“ Thomas Strele und Alexander Wasle, die beiden Geschäftsführer von Tirols größtem Architekturbüro westlich von Innsbruck, schildern eine dramatische Entwicklung. Sie können Purzelbäume schlagen. Egal, was sie unternehmen, wie sie herkömmlich werben, was sie zusätzlich bieten – HTL-Absolventen wie Architekten lassen sich nicht ins Außerfern locken. Die beiden „Übernehmer“ des Architekturbüros Walch, zu dem sich seit dem Management-Buy-out im Firmennamen das „und Partner“ dazugesellt hat, können die geografische Wurzel des Problems umso besser einschätzen, als sie auch ein Büro in Telfs betreiben. Und dort haben sie keinerlei Schwierigkeiten, neue Kräfte zu finden. Früher war dort eine Außenstelle: 20 arbeiteten in Reutte, drei in Telfs. Heute heißt das Verhältnis 15/10. „Nur das bringt uns auf Dauer nichts“, sagt Wasle. „Wir brauchen die Leute im Bezirk, das Reuttener Büro steht bald halb leer.“ Mehrere interessante Großprojekte seien in der Pipeline und die beiden Firmenchefs sind sich nicht einmal sicher, ob sie sich freuen sollen, wenn sie den Zuschlag erhalten sollten. Alle in der Branche hätten das gleiche Problem. Ein hiesiger Mitbewerber bei einer Ausschreibung habe sich, obwohl noch gar niemand den Zuschlag erhalten habe, schon hilfesuchend an sie gewandt. Er könne es mit seinem Büro nicht schaffen, wenn er gewinnen sollte.

Dass Plansee den Arbeitsstellenmarkt leerfege, ist für Wasle und Strele nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Denn einem Architekturbüro würde der Industrieriese wohl eher keine Leute direkt abspenstig machen. Die Lage ist inzwischen schon derart prekär, dass zwei Pensionisten reaktiviert wurden und Bauleitungen, übrigens bravourös, übernommen haben. Vor dem Büro in der Reuttener Kög ist am Fahrradweg eine Werbetafel mit „Wir suchen ...“ angebracht.

Thomas Strele glaubt, dass eine Art Standortmarketing notwendig wird, und kann sich eine große Konferenz von Unternehmern vorstellen, um gemeinsame Schritte zu erarbeiten und abzustimmen. Die Werbung im In- und Ausland müsse stark intensiviert und über die Wirtschaftskammer abgewickelt werden. Die viel diskutierte Work-Life-Balance könne hier im Außerfern gefunden werden. „Wer hat schon die Chance, in einem Naturpark zu arbeiten, und ist trotzdem so nahe an allen Zentren?“, erklärt er. Und Alexander Wasle ergänzt: „Die Boden- und Wohnungspreise in München und Innsbruck sind exorbitant, bei uns hingegen leistbar. In München brauchst du im Stau eine Stunde zur Arbeit, bei uns fünf Minuten.“ All das ­müsse massiv beworben werden. Strele, sein Büro baut auch Hotels, durchaus kritisch: „Was fangen wir mit immer noch mehr Gästen an, die mangels Personal eh schon nicht mehr bedient werden können?“

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