Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 10.10.2019


Bezirk Reutte

Arbeitslose: Außerfern lässt ganz Österreich hinter sich

Das Außerfern hat österreichweit am wenigsten Arbeitslose. Unternehmen ächzen unter der Personalnot.

(Symbolfoto)

© Thomas Boehm / TT(Symbolfoto)



Von Helmut Mittermayr

Reutte – Gäbe es auch für Beschäftigungsrekorde einen speziellen Award, dann müsste es schon wieder heißen: „And the Oscar goes to Reutte.“ Das Außerfern weist prozentuell im August in ganz Österreich am wenigsten Menschen ohn­e Job auf. Die Arbeitslosenquote betrug lediglich 2,0 Prozent und war damit in keinem Bezirk zwischen Boden- und Neusiedler See niedriger. Auf den Plätzen zwei und drei folgten Rohrbach (OÖ, 2,2 %) und Kitzbühel (2,3 %). Das Schlusslicht bilden die beiden Wiener AMS-Standorte mit 13,7 % sowie 17,4 %.

Auch im September dürfte der nordwestlichste Bezirk Tirols mit – von Reuttes AMS-Chef Klaus Witting vorerst noch geschätzten – 2,2 Prozent als Bestwert Österreichs hervorgehen. Zudem kann im Außerfern mit 14.577 unselbstständig Beschäftigten ein neue­r Beschäftigtenhöchststand vermeldet werden. Vollbeschäftigung ist kein Schlagwort, sondern die meiste Zeit des Jahres gelebte Realität. Die verbliebenen „Prozente“ sind in der Praxis nur schwer oder nicht vermittelbar. „Personen ohne Vermittlungseinschränkungen durch fehlende Mobilität oder gesundheitliche Beeinträchtigungen können mit Angeboten binnen weniger Tage rechnen“, weiß Witting.

Die Kehrseite der Medaille: Immer mehr ausgeschriebene Stellen bleiben verwaist oder müssen weit unter Erwartungen und Notwendigkeiten besetzt werden. Gerade im Baubereich müssten Aufträge mangels Personal abgelehnt oder weit in die Zukunft verschoben werden, erzählt Klaus Witting aus der Praxis.

Wolfgang Winkler, Bezirksstellenleiter der Wirtschaftskammer Reutte, spricht von Fluch und Segen. Segen, weil „die Wirtschaft unglaublich brummt“. Fluch, weil „am Arbeitsmarkt keine Durchgängigkeit mehr da ist, nichts mehr im Fluss ist. Wir haben im Bezirk einfach viel zu wenig Einwohner und können den Bedarf nicht decken.“ Der Kammerchef nennt Grän als Beispiel für ein positives Wirtschaften am Anschlag, um nicht immer die herausragende Industrie anführen zu müssen. In der Gemeinde im Tannheimer Tal sind mehr Mitarbeiter im Tourismus angestellt, als sie Einwohner (400) zählt. Bei Arbeitskräften würden neben Einheimischen und Osteuropäern verstärkt Allgäuer rekrutiert. Diese Einpendler seien längst zum Faktor geworden. Für Winkler ein Indiz dieser Entwicklung: „Junge Allgäuer stellen beim Lehrlingswettbewerb in den Bereichen Industrie und Tourismus schon ein Viertel der Preisträger.“

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Was kann die Kammer tun? Winkler setzt neben der aktuellen Dauerpromotion pro HTL Reutte auf viele weitere Pferde. Sein neuestes Anliegen: „Sobald die HTL durch ist, gehen wir das Thema Heim für Schüler und Lehrlinge an. Früher gab es zum Beispiel viele Lehrlinge aus Osttirol bei uns, die geblieben sind.“ Eine Einrichtung im Schulzentrum, wie einst das Kolpingheim, wäre für ihn die ideale Voraussetzung, um Jugendliche in den Bezirk zu holen.

Der Druck könnte aber auch von selbst ein wenig weichen. Erste Anzeichen einer Konjunkturabschwächung seien in der Industrie zu sehen, sagt Witting. „Die Party ist vorbei!“ habe es bei den aktuellen Lohnverhandlungen mit den Metallern geheißen, pflichtet ihm auch Winkler bei.