Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 24.10.2019


Bezirk Imst

Gemeinwohl-Ökonomie in Tirol: „Enkeltauglich leben können alle“

Waltraud Dietrich aus Mieming lebt die Idee der „Gemeinwohl-Ökonomie“. Diese will unsere Welt für die nachkommenden Generationen erhalten. Und um „enkeltauglich“ zu leben, muss man keine Enkel haben.

Ein Insektenhotel verändert nicht die Welt, aber viele derartige Ideen bewirken vielleicht ein Umdenken.

© ParthEin Insektenhotel verändert nicht die Welt, aber viele derartige Ideen bewirken vielleicht ein Umdenken.



Von Thomas Parth

Mieming – Die „Gemeinwohl-Ökonomie“ basiert auf dem gleichnamigen Büchlein von Christian Felber und sieht sich als „Wirtschaftsmodell mit Zukunft“. Ziel ist es, nachhaltiges Wirtschaften zu fördern. Die Miemingerin Waltraud Dietrich ist Gründungsmitglied und Kassier-Stellvertreterin der Gemeinwohl-Ökonomie Tirol.

Dietrich gibt Kurse für „enkeltaugliches Leben“ und versucht so die Gemeinwohl-Idee zu verbreiten: „Mein persönliches Ziel ist es, unseren Wohlstand zu erhalten und zu teilen, um in Frieden in einer Demokratie leben zu können. Wobei Natur, Umwelt und Ressourcen geschont und für die nächsten Generationen erhalten werden“, bekennt Waltraud Dietrich offen.

Die angesprochenen Werte, die in den Vordergrund rücken, sind: Mitbestimmung, Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit, Zusammenhalt und Menschenwürde. „Die Kursteilnehmer nehmen nun ihr eigenes Leben unter die Lupe. Sie filtern ihren Umgang mit Geld und ihr Konsumverhalten und hinterfragen, wo sie einkaufen, wie die Waren hergestellt werden. Sie setzen sich mit ihrem Partner, mit ihrer Familie auseinander und planen z. B. den nächsten Urlaub ökologisch sinnvoll und Gemeinwohl-orientiert“, klärt Dietrich auf.

Über sechs Monate finden sechs Kursabende in Gruppen bis zu maximal zehn Personen statt.

„Jeder bringt seine Ideen in der Gruppe ein. Die Teilnehmer vergeben Punkte für die Anerkennung des Engagements jedes Einzelnen. Man erkennt dabei rasch, dass man nicht mehr allein auf verlorenem Posten steht, sondern dass die Gemeinschaft einen bei seinen Ideen unterstützt“, ist Dietrich begeistert. Zusätzlich ist die Gruppe aufgefordert, auch eine Gruppenaktion zu starten. „In meinem Kurs habe ich vorgeschlagen, ein Insektenhotel zu bauen, das heute bei mir im Garten steht. Alleine verändert man wenig, aber gemeinsam, vielleicht zusammen mit einigen Unternehmen, kann man letztlich sogar die Politik zum Handeln bewegen“, meint Dietrich überzeugt.

Weltweit setzen sich Konzerne „Ziele für nachhaltige Entwicklung“ oder, neumodisch ausgedrückt, „sustain­able development goals“. Diesem Trend folgend haben sich auch in Imst bereits mehrere Unternehmen auditieren, also auf ihre Gemeinwohl-Tauglichkeit hin überprüfen lassen. „Die Werte bleiben dieselben, betrachtet werden aber Lieferanten, Finanzpartner, Mitarbeiter und Kunden sowie das gesellschaftliche Umfeld“, zeigt die engagierte 53-Jährige auf. Selbst ist sie Mutter zweier erwachsener Kinder: „Ich bin noch nicht Oma. Enkeltauglich leben, das kann jeder, dazu muss man keine Enkel haben. Die kommenden Generationen sollen auch einen intakten Planeten vorfinden.“

Zusätzlich zu Unternehmen können sich auch Privatpersonen am Veränderungsprozess beteiligen. Nähere Information ist auf der Homepage unter www.ecogood.org/de/tirol zu finden.