Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 25.10.2019


Bezirk Kufstein

Nächtigungsrekorde sind nicht alles: Region Söllandl will mehr Qualität

Die Zukunftsstrategie in der Region Söllandl zielt auf mehr Qualität und Nachhaltigkeit der Betriebe sowie Miteinander von Tourismus und Bevölkerung ab. Beim Tourismusverband sind keine neuen Hotels erwünscht.

Obmann Johannes Adelsberger (l.) und Geschäftsführer Lukas Krösslhuber stellten die neue TVB-Strategie vor.

© OtterObmann Johannes Adelsberger (l.) und Geschäftsführer Lukas Krösslhuber stellten die neue TVB-Strategie vor.



Von Wolfgang Otter

Scheffau a. W. K. – Es läuft gut im Tourismusverband (TVB) Wilder Kaiser. Die Nächtigungszahlen in der Urlaubsregion Söllandl (Söll, Scheffau, Ellmau und Going) haben mittlerweile die Zwei-Millionen-Grenze (je zur Hälfte im Sommer und Winter) geknackt. Die Auslastung erreicht ebenfalls Rekordhöhe, stieg sie doch in fünf Jahren von 139 auf 175 Vollbelegungstage.

Zahlen, die TVB-Obmann Johannes Adelsberger im Saal der Volksschule Scheffau bei der Jahreshauptversammlung den rund 100 erschienenen Mitgliedern mit Freude präsentierte. Auch finanziell steht der Verband auf äußerst soliden Beinen, wie auch der oberste Tiroler Touristiker, Gerhard Föger, lobend anmerkte. Immerhin konnte Aufsichtsratsvorsitzender Walter Eisenmann ein Budget von 8,1 Millionen Euro vorstellen. Alleine die mit Mai angehobene Ortstaxe soll 1,5 Mio. Euro Mehreinnahmen in die Verbandskasse spülen. Geld, das wiederum in die Attraktivitätssteigerung der Region investiert wird.

Wie bereits erwähnt: Es läuft gut, aber trotzdem sind die Augen der Touristiker rund um den Wilden Kaiser in die Zukunft gerichtet. Daher stand neben dem geschäftsmäßigen Abarbeiten der Jahreshauptversammlung und der Präsentation der zahlreichen Aktionen und Veranstaltungen des vergangenen Jahres besonders das Thema Zukunftsstrategie im Mittelpunkt.

Eines dabei vorweg: Der Tourismusverband strebt aktiv keine neuen Hotels in der Region mehr an. Ein Ja gibt es jedoch zum Ausbau und zur Qualitätssteigerung, aber „in der Hauptsaison ist kaum mehr ein Gästezuwachs möglich“, bilanzierte Geschäftsführer Lukas Krösslhuber. Er verwies auf die Auswirkungen von noch mehr Besuchern auf Kommunen, Infrastruktur und die Einheimischen. „Und wir benötigen dafür mehr Personal und Platz und das haben wir nicht mehr“, sagte Krösslhuber. Man stelle Qualität, Verträglichkeit und Nachhaltigkeit vor Nächtigungsrekorde, betonte auch Obmann Adelsberger.

Es ist ein ganzheitliches Konzept, das der Verband an diesem Abend vorstellte. Ausgearbeitet wurde es mit den TVB-Gremien, Ortsausschüssen und Kommunen. Fünf Arbeitsfelder sind dabei herausgekommen: Branchenattraktivität, Auslastung, Aufenthaltsqualität, Wertschöpfung und Gemeinschaft. „Ihr habt mit dieser Arbeit eine österreichweite Vorbildfunktion übernommen“, lobte Florian Phleps von der Tirol Werbung bei seinem Kurzreferat. Denn genau diese Bereiche müssten für die Zukunft des Tourismus positiv bearbeitet werden.

„Die Wirtschaftlichkeit“ sei essenziell „und funktioniert bei uns auch gut“, sagte Krösslhuber, aber es sei eben nur ein Baustein für einen zukunftsorientierten Tourismus. Die Erhöhung der Gästezahlen wird daher zwar nicht für die Haupt-, aber sehr wohl für die Zwischen- und Nebensaison angestrebt. Da gibt es laut Krösslhuber noch Spielraum bis zu 20 Prozent. Der Vorteil liege auf der Hand. Die ganze touristische Infrastruktur sei bereits hochgefahren, die Kosten fallen an, mit oder ohne Gäste. Und in Richtung Personal, dem man ein ganzes Handlungsfeld widmet, bestehe die Chance, einen Ganzjahresarbeitsplatz zu bieten, was wiederum den Unternehmen bei der Suche nach Arbeitskräften behilflich wäre.

Einen dieser Schwerpunkte nimmt das Thema Verkehr ein. „Wir müssen uns der Tatsache stellen, dass in den großen deutschen Ballungszentren, damit auch in unseren Zielmärkten, immer weniger Menschen einen Führerschein und ein Auto haben. Daher müssen wir es ermöglichen, dass diese Gäste trotzdem zu uns kommen können“, erklärte Adelsberger.

Erste Schritte dafür wurden in der Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn (DB) und den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) bereits gemacht, die Bemühungen werden aber noch weiter verstärkt. Das gilt auch für die öffentlichen Verkehrsmittel vor Ort. „Unsere Urlaubsgäste aus den Großstädten können bei sich zu Hause ein hervorragend ausgebautes öffentliches Netz an Verkehrsmitteln benutzen. Die erwarten das auch im Urlaubsort“, sagte Adelsberger. Auch hier will man mit Kostenbeteiligungen eine Steigerung erreichen.

„Wir sind der Meinung, dass der Aufenthaltswert in der Region sehr hoch ist. Aber bei den Ortskernen besteht noch Nachholbedarf. Die sollten noch attraktiver gemacht werden“, meint Krössl­huber. Davon profitieren alle, die Bewohner und die Gäste gleichermaßen. Den Einheimischen wird bei der Strategie überhaupt große Bedeutung eingeräumt. Sei es nun bei Veranstaltungen oder bei der Wertschätzung der Touristiker gegenüber den Vereinen oder Grundbesitzern. „Wir schätzen sie bereits jetzt, aber wir müssen es auch sagen“, so Krösslhuber.