Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 30.10.2019


Bezirk Reutte

Außerferner Milchbauern an existenzieller Weggabelung

Sechs Landwirte aus dem Raum Reutte wurden vom Milchabnehmer Käserebellen informiert, dass ihre Silagemilch nicht mehr erwünscht ist und sie ab April auf Heumilch umsteigen müssen. Riesige Investitionen schrecken ab.

Der neue Eigentümer der Molkerei Reutte, die Firma Käserebellen, hat entschieden: Nur noch Heumilch und keine Silagemilch soll zu Käse verarbeitet werden.

© MittermayrDer neue Eigentümer der Molkerei Reutte, die Firma Käserebellen, hat entschieden: Nur noch Heumilch und keine Silagemilch soll zu Käse verarbeitet werden.



Von Helmut Mittermayr

Reutte – Heumilch ist in. Was die längste Zeit als hinterwäldlerisch galt, ist das neue Bio – die silagefreie Milch. Heumilch ist nichts anderes als die traditionelle Form der Milcherzeugung: Die Bauern verzichten auf Gras- oder Maissilage, also durch Milchsäuregärung im Silo konserviertes Grünfutter. Diesem Trend folgen auch die Käserebellen aus dem Allgäu, seit Sommer die neuen Eigentümer der Molkerei in Reutte – mit Folgen für die großen Bauern der Region. Denn die Käserebellen teilten ihnen mit, dass die Verträge für die Annahme von Silagemilch nicht mehr verlängert werden. Mit Ende März 2020 laufen sie aus. Die betroffenen Landwirte haben nur kurz Zeit, um existenzielle Fragen für ihre Betriebe zu treffen. Denn die Umstellung von Silage- auf Heumilch ist mit enormen Kosten verbunden. So hoch, dass teils Jahrzehnte zur Refinanzierung notwendig wären.

In einer ersten Reaktion hofften die betroffenen Bauern, unter ihnen bekannte Namen wie Hackl aus Breitenwang oder Wagner aus Reutte, die Milch in Eigenregie zu einem neuen Verarbeitungsbetrieb bringen zu können. Dies scheiterte daran, dass die Tirol Milch, längst zur Bergland Milch in Oberösterreich gehörig, derzeit einen Aufnahmestopp verfügt hat. Auch verschiedenste süddeutsche Molkereien im grenznahen Raum haben abgewunken. Sie setzen allesamt auf die regionale Marke Allgäu und wollen daher keine Milch aus dem „Ausland“ zukaufen, auch wenn sie nur wenige Kilometer entfernt produzieren.

Immerhin 3000 Liter pro Tag oder rund 1,1 Millionen Liter Silagemilch produzieren die sechs betroffenen Bauern. Damit stellen sie 20 Prozent des bisher angelieferten Kontingents der Molkerei in Reutte. Die restlichen 80 Prozent Heumilch stammen meist von kleineren Betrieben. Der Umstieg auf Silagemilch würde bei den betroffenen Betrieben teils eine Investition von einer halben Million Euro und mehr benötigen. „Wir müssten dafür extra einen Heustadel bauen. Zudem Belüftungssysteme und vieles mehr“, erklärt Walter Hackl. Dem bekannten Breitenwanger, er war lange Vizebürgermeister, ist klar, dass der freie Markt so funktioniert. Er will nicht prinzipiell hadern, aber die Fragen, die sich über Nacht aufgetan hätten, seien existenziell für sie. Wenn auch nicht mehr für ihn persönlich, so zumindest für seinen Sohn, der die Landwirtschaft liebe und weitermachen wollte. „Aber wir müssen auch rechnen. Pro Liter Milch würden wir für Heu- statt Silagemilch künftig 5 Cent mehr bekommen. Im Jahr ein Plus von 10.000 Euro. Wie soll damit eine Investition von 500.000 Euro refinanziert werden? Das geht nie.“ Da wäre sein Nachfolger ein alter Mann, bis die letzten Schulden beglichen wären, rechnet Walter Hackl vor. Und wer garantiere ihnen, dass in wenigen Jahren nicht wieder ein neuer Eigentümer der Molkerei ganz andere Schwerpunkte setze?

Zudem belastend: Für so große richtungsweisende Entscheidungen bleibe nur ganz wenig Zeit, denn schon jetzt müssten Kühe in den Verkauf gebracht werden, wenn man auf das Angebot der Käserebellen nicht eingehe. Diese hätten zwar einen gewissen Überbrückungszeitraum eingeräumt, wenn man den Umstieg zusage, und würden die Silagemilch so lange weiter nehmen. Aber wenn man sich nicht darüber hinaussehe, sei am 1. April definitiv Schluss. Die Hackls überlegen derzeit eher den Ausstieg, nicht groß zu investieren, ihren Betrieb stark zu verkleinern und Richtung Direktvermarktung zu gehen. Entschieden ist aber noch nichts.

Siegi Wagner in der Reuttener Lüss weiß auch noch nicht, wie seine Familie optieren wird. „Aus heutiger Sicht lassen wir es ganz. Also die Milchproduktion.“ Er hat 80 Milchkühe im Stall stehen, ein Großbetrieb. Erst vor Kurzem sei ein Melk­roboter um 160.000 Euro, der die Arbeit erleichtern sollte, geliefert worden. „Welch ein Glück, dass wir ihn zurückgeben durften, weil wir mit dem Händler über Jahre beste Geschäftsbeziehungen hatten.“ Der Roboter sei zusätzlich zur Silagemilch von den Käserebellen abgelehnt worden.

Auf die Frage, warum andere Bauern kein Problem mit der Heumilch hätten, erklärt Wagner, dass die Größe den entscheidenden Unterschied ausmache. „Kleine tun sich hier viel leichter. Wir haben mit 55 Hektar so große Flächen einzubringen, dass wir sechs bis sieben Sonnentage pro Grasschnitt, also 15 im Jahr brauchen – bei Heu würde sich alles verdoppeln.“ Das wäre nicht möglich, spielt er auf die Feuchtigkeit der Außerferner Nordstaulage an. Bei kleineren Flächen sei alles einfacher. Zudem sei Heuen und Einführen in den Tennen, plus spätere Verfütterung, weit arbeitsintensiver als die Arbeit mit Siloballen. Und Arbeit koste Geld. Die Zeiten der nachbarschaftlichen Hilfe beim Heuen seien längst vorbei.

Auch bei Wagners in der Lüss wäre bei Umstellung auf Heumilch der Bau eines weiteren Heustadels unumgänglich – Untergrenze 500.000 Euro. „Und das würde sicher nicht reichen. Nach heutigem Wissensstand werden wir wohl auf Mastbetrieb umstellen müssen. Jungvieh, Ochsenmast – in diese Richtung könnte es gehen“, sagt Siegfried Wagner. Noch sei aber kein endgültiger Entschluss gefallen.

Andreas Geisler ist Geschäftsführer bei den Käserebellen, die Standorte in Zell am Ziller, Sulzberg, Thüringer Berg und seit Sommer eben auch in Reutte haben. Er ist guter Dinge, dass sich doch noch alle durchringen können, auf Heumilch umzusteigen. „Ich habe zumindest positive Signale vernommen. Mit Silagemilch kann man bei uns jedenfalls nicht weitermachen. Wir können hier keine Perspektive bieten.“ Geisler, positiv in die Zukunft blickend: „Das Außerfern wäre in ganz Europa einzigartig, nämlich der einzige Bezirk, in dem zu 100 Prozent Heumilch erzeugt wird.“ Denn auch die Käsereien Biedermann in Grän und Soyer in Steeg würden ausschließlich mit Heumilch arbeiten.