Letztes Update am So, 03.11.2019 07:09

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Windkraft „in Tirol gute Ergänzung“

Um Energieautonomie in Tirol zu erreichen, sind auch 15 Windräder vorgesehen. In mehreren Bezirken wären dafür Standorte geeignet.

Windräder funktionieren auch auf den Bergen: In den Tauernwindpark Oberzeiring wurde jetzt investiert und die Effizienz um die Hälfte gesteigert.

© RockenbauerWindräder funktionieren auch auf den Bergen: In den Tauernwindpark Oberzeiring wurde jetzt investiert und die Effizienz um die Hälfte gesteigert.



Von Brigitte Warenski

Innsbruck, Wien – Bis 2030 will Österreich seinen Strom zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen produzieren. Um dieses Ökostrom-Ziel zu erreichen, braucht es u. a. „dreimal so viele Windparks“, erklärte E-Control-Chef Wolfgang Urbantschitsch kürzlich in der Tiroler Tageszeitung. Auch wenn Tirol bei der Windenergie niemals den Stellenwert wie Niederösterreich oder das Burgenland haben wird, gibt es laut der Interessengemeinschaft Windkraft Österreich (IGW) „noch genug Luft nach oben“, so Pressesprecher Martin Jaksch-Fliegenschnee.

Nur einen bescheidenen Schritt Richtung Windkraft (1,6 Prozent des gerechneten Energiebedarfs) sieht jedoch die Energieautonomiestudie vor, die vom Land Tirol in Auftrag gegeben wurde. In ihr wird im Detail durchgerechnet, wie Tirol bis 2050 seinen gesamten Energiebedarf nur aus heimischen, erneuerbaren Energieträgern decken kann. „Wir haben in die Studie 15 Windräder als nutzbares Energiepotenzial eingerechnet. Das sind natürlich Peanuts, aber für die Windkraft gibt es in Tirol kein politisches Bekenntnis – auch nicht von den Grünen. Die Politiker sagen, dass die Bevölkerung nicht dahintersteht“, erklärt Wolfgang Streicher, Professor für Energieeffizientes Bauen an der Universität Innsbruck und Mitautor der Energieautonomie-Studie.

Wolfgang Streicher (Univ.-Professor): „Wir müssen alles tun, was nur machbar ist, und das nicht irgendwann.“
Wolfgang Streicher (Univ.-Professor): „Wir müssen alles tun, was nur machbar ist, und das nicht irgendwann.“
- Michael Kristen

Mögliche Standorte, die für einen Windpark geeignet wären, gibt es laut Windpotenzialstudie „Windenergie in Tirol“ (2013) weit mehr. Rund 75 % des Potenzials liegen südlich des Inns im Bezirk Innsbruck-Land, viele weitere Möglichkeiten gibt es in den Bezirken Lienz, Reutte und Schwaz. Allen ausgewiesenen Potenzialflächen ist gemein, dass sich deren Lage oberhalb von 1800 Höhenmetern befindet, heißt es in der Studie. „Ein Großteil der für die Windkraft geeigneten Flächen ist schwer zugänglich und liegt auf über 1800 Metern Seehöhe. Hier stellt sich die Frage, wie die produzierte Energie ins Netz kommt. Träger der Energiewende auf Ressourcenseite sind somit für uns in erster Linie die Wasserkraft, Sonnenenergie, Biomasse und Umweltwärme“, sagt Bettina Sax, Pressesprecherin des Landes Tirol. Für die IGW „ist die Seehöhe kein Grund, Nein zur Windkraft zu sagen“, so Jaksch-Fliegenschnee. „Der Tauernwindpark Oberzeiring in der Steiermark liegt auf 1900 Metern. Österreichs höchster Windpark zeigt, dass eine Anlage auch hier technisch hervorragend funktioniert. Mit 13 neuen Windrädern konnte die Effizienz nun sogar um 50 Prozent erhöht werden.“

Für Jaksch-Fliegenschnee wäre auch für Tirol ein Windenergiekonzept „in jedem Fall wichtig. Aber am wichtigsten ist immer die politische Überzeugung und die fehlt ein bisschen, was mit dem starken Landesenergieversorger Tiwag zu tun hat, der nur auf die Wasserkraft setzt.“ In Tirol würde es „aber Sinn machen, sich mit verschiedenen erneuerbaren Energieträgern breiter aufzustellen. Und die Windkraft wäre hier eine sehr gute Ergänzung zur Wasserkraft.“ Die von Tirol angestrebte Energieautonomie 2050 bezeichnet der IGW-Sprecher als „eine sehr große Herausforderung. Sie kann nur funktionieren, wenn der Energiebedarf um 50 Prozent gesenkt wird und gleichzeitig zwei- bis dreimal so viel Strom erzeugt wird.“

Auch für Streicher ist klar, dass man sich für dieses Ziel sehr ins Zeug legen muss. „Wir müssen alles tun, was nur machbar ist, und das nicht irgendwann.“ Wenn man ganz Nein zur Windkraft sagt, „muss man woanders den Strom herbekommen, damit man die Energieautonomie erreicht“, so Streicher. Würde man dafür z. B. mehr auf die Photovoltaik setzen, „müssten wir uns ordentlich was trauen“. Streicher denkt da an die sonnenreiche Nordkette, denn auf den Hausdächern ginge nichts mehr. „In die Studie ist ja bereits eingerechnet, dass auf 95 Prozent der Tiroler Hausdächer Photovoltaikanlagen installiert sind.“

Niederösterreich ist Spitzenreiter

Die Internationale Energieagentur IEA erwartet in den nächsten 20 Jahren einen enormen Ausbau von Windparks im Meer. Die weltweite Offshore-Windkapazität werde bis 2040 um das 15-Fache steigen, heißt es im Bericht, den die Agentur diese Woche, wie berichtet, vorstellte. Ende 2018 erzeugten in Österreich 1313 Windkraftanlagen – die meisten in Niederösterreich, gefolgt vom Burgenland – mit einer Gesamtleistung von 3045 Megawatt umweltfreundlichem Strom für über 1,9 Millionen Haushalte. In Vorarlberg, Tirol und Salzburg dreht sich noch kein Windrad. Windräder werden in Österreich nur nach einer umfangreichen Umweltverträglichkeitsprüfung genehmigt. In Natur- und Vogelschutzgebieten werden in der Regel keine Windräder aufgestellt. Nach aktuellen Studien sind 82 Prozent der Österreicher für einen weiteren Ausbau der Windkraft.

In Europa werden momentan zwölf Prozent des Stroms aus Windkraft erzeugt – Tendenz steigend. Die Europäische Komission geht davon aus, dass sich in der EU bis 2050 etwa 100.000 Windräder drehen werden. Trotzdem gibt es noch Luft nach oben – und zwar sehr viel Luft, wie ein internationales Forscherteam der Universität von Sussex und der Universität Aarhus herausgefunden hat. (wa, APA, dpa)




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