Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 21.11.2019


Standort Tirol

Brisanter Fachkräftemangel: Umsätze bei Firmen in Innsbruck-Land rückläufig

60 % der Betriebe in Innsbruck-Land spüren bereits Umsatzeinbußen wegen fehlender Fachkräfte. Die Wirtschaftskammer präsentierte gestern Ideen für die nächsten fünf Jahre.

Fehlende Gewerbeflächen für die Betriebsentwicklung seien eines der zentralen Probleme im Bezirk, sind sich Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Walser (l.) und Bezirksobmann Patrick Weber einig.

© DomanigFehlende Gewerbeflächen für die Betriebsentwicklung seien eines der zentralen Probleme im Bezirk, sind sich Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Walser (l.) und Bezirksobmann Patrick Weber einig.



Innsbruck-Land – In einem „Zukunftsranking“ hat das Beratungsunternehmen Pöchacker im Auftrag der Wirtschaftskammer (WK) alle 94 Bezirke Österreichs in Bereichen wie Arbeitsmarkt, Wirtschaft & Gesellschaft und Demografie verglichen. Der Bezirk Innsbruck-Land, mit 65 Gemeinden der größte in ganz Österreich, belegt dabei Platz 16, bei der Lebensqualität sogar Platz sechs.

Dennoch gibt es große Baustellen. Daher lud die WK-Bezirksstelle Innsbruck-Land Unternehmer und Entscheidungsträger in – auf dem Ranking aufbauenden – Workshops dazu ein, Vorschläge für drei zentrale Themenbereiche auszuarbeiten. Sie sollen in einen „Maßnahmenplan 2020 bis 2025“ einfließen.

Punkt eins ist die Raumordnung: Es gebe „viel zu wenig Gewerbeflächen“ für die Weiterentwicklung von Betrieben, monierte WK-Bezirksobmann Patrick Weber bei der gestrigen Ergebnispräsentation. Die Gemeinden seien dringend gefordert, per Vertragsraumordnung Grundflächen zu aktivieren, meinte WK-Präsident Christoph Walser – für leistbares Wohnen, aber genauso für die Gewerbeansiedlung. Und: „Unternehmen sollen auch höher und dichter bauen dürfen, sonst wird es in Tirol in Zukunft schwierig.“

Bei der Verkehrsproblematik, die für Weber „zu einem großen Teil hausgemacht“ ist, lauten die Forderungen auf Öffi-Ausbau, mehr Parkplätze an Bahnhöfen und eine bessere Vernetzung mit dem Stadtverkehr in Innsbruck. Im Mai hat die Kammer ein großes Projekt gestartet, wie der Verkehr im Jahr 2030 aussehen könnte, die Ideen und Innovationen der Wirtschaft sollen Anfang Jänner präsentiert werden: Walser verspricht „einige Überraschungen“.

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Dritter zentraler Themenbereich ist die Ortskernrevitalisierung. Hier habe die Kammer die Aufgabe, alle Beteiligten (Gemeindepolitik, regionale Wirtschaft, Hauseigentümer) zusammenzuholen und zu motivieren, erklärte Walser. Der Thaurer Bürgermeister verweist auf seine Heimatgemeinde: Hier sei es gelungen, durch eine Erneuerung des Dorfplatzes sowie die schrittweise Ansiedlung von Nahversorger, Jugendzentrum, Kinderkrippe, Bauernmarkt und künftig auch wieder eines Metzgers eine positive Dynamik in Gang zu setzen.

Größte Sorge der Wirtschaft ist aber auch im Bezirk Innsbruck-Land der Fachkräftemangel: „60 % der Betriebe im Bezirk spüren bereits Umsatzeinbußen durch fehlende Fachkräfte, 50 % sehen sich in ihrer Entwicklung und Innovation eingeschränkt“, berichtete Weber. Bei den Zimmerern gebe es im Bezirk derzeit z. B. 19 freie Stellen und nur einen einzigen Arbeitslosen. Die WK baut neben Veranstaltungen zur Stärkung der Lehre (vom Berufsfestival bis hin zu neuen Formaten wie „Hallo Drehmoment“ in Zirl und Inzing oder der Wipptaler Lehrlingsroute) v. a. auf das Konzept der neuen dualen Bildung. Damit sollen Lehrlinge künftig nicht nur im berufspraktischen, sondern auch im schulisch-akademischen Bildungssystem bis zu den höchsten Abschlüssen kommen können.

Beim brisanten Thema Umweltschutz tritt die Kammer u. a. für die vorzeitige Absetzbarkeit energiesparender Maßnahmen und die verstärkte Förderung von Forschung und Entwicklung ein. Zudem gelte es, die „großen Wasserkraftreserven“ in Tirol zu mobilisieren, so Weber. „Derzeit dauern die Verfahren viel zu lang und viel zu viele Projekte werden negativ beschieden.“

Die WK rechnet in Innsbruck-Land 2020 mit einem Wirtschaftswachstum von 1,4 bis 1,6 % – deutlich niedriger als in den Vorjahren, aber, wie Walser betonte, von einem hohen Startniveau aus. (md)