Letztes Update am So, 02.09.2012 07:08

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Standort Tirol

Frühe Pension ist ein Auslaufmodell

Experten-Kreis in Alpbach: In Zukunft werden die Österreicher später in Pension gehen. Arbeitnehmer länger im Betrieb zu halten, ist längst kein soziales Anliegen mehr, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit.



Von Ernst Spreng

Alpbach – Länger leben, länger arbeiten: Das Thema der Integration älterer Arbeitnehmer in den Arbeitsmarkt wird heiß diskutiert. Auch beim diesjährigen Forum Alpbach hat man sich dieser Frage gestellt. Für Johannes Kopf, Vorstand des Arbeitsmarktservice AMS, hat sich die Einstellung zu älteren Mitarbeitern in den vergangenen Jahren dramatisch verändert. „Ende der 1990er-Jahre haben wir schon über dieses Thema diskutiert. Das Interesse war mehr als bescheiden. Heute ist das anders. Das Thema des längeren Arbeitens beschäftigt uns alle. Der Wille zur Veränderung ist bei Unternehmern und in der Politik erkennbar“, erklärte Kopf.

Das Paradebeispiel eines österreichischen Unternehmens, das ältere Mitarbeiter durch neue Arbeitsplatzmöglichkeiten und gesundheitliche Prävention unterstützt, ist der Stahlkonzern voest­alpine. Hier wurde bereits vor zehn Jahren das Projekt „Life“ ins Leben gerufen. Ziel ist es, gemeinsam mit dem Betriebsrat ein altersgerechtes Arbeitsumfeld zu schaffen. „Die wirtschaftlichen Zwänge haben hier sicherlich zu einem Umdenken geführt“, meinte Alexander Lechner, der als Betriebsratsvorsitzender der voestalpine in Leoben für dieses Projekt zuständig ist. „Mit einer Abwanderungsrate von 23 Prozent bei den Jugendlichen in der Weststeiermark und der demografischen Entwicklung allgemein kann man sich ausrechnen, wie wichtig es bei uns ist, Menschen möglichst lange gesund im Arbeitsprozess zu halten“, erzählte der Betriebsrat aus der Praxis.

Die Pension in vergleichsweise jungen Jahren ist für viele Menschen ein erklärtes Ziel. Warum die Österreicher so früh an die Pension denken und dann auch wirklich so früh wie möglich aus dem Arbeitsprozess aussteigen, ist für die Experten beim Forum Alpbach klar: „Weil es in Österreich möglich ist!“, lautet die einhellige Meinung. „Diese Pensionskultur ist aus der langjährigen Praxis entstanden, durch frühe Pensionen den Arbeitsmarkt zu regulieren“, erklärte Kopf. Der AMS-Chef versteht, warum die Österreicher die Pensionsmöglichkeiten derart nutzen. „Unser Pensionssystem ist so, wie es derzeit ist. Da ist es nicht verwerflich, dieses verlockende Angebot auch anzunehmen und die sich bietende Möglichkeit zu ergreifen.“

Ulrich Schuh, Forschungsvorstand des Wirtschaftsforschungsinstitutes EcoAustria, brachte es auf den Punkt: „Ohne eine Pensionsreform wird es nicht gehen. Es muss uns allen klar sein, dass wir in Zukunft länger arbeiten. Erst dann werden die Initiativen greifen, die es uns ermöglichen, das längere Arbeiten zu akzeptieren und mit Freude zu erleben.“

Dass man sich beim Thema Pension und längerem Arbeiten am Widerstand vieler Interessengruppen entlangtasten muss, ist allen Experten klar. Aber die Folgen des Nicht-Handelns wären dramatischer als ein konsequenter Schnitt. „Die Pension ist ein Beispiel, an dem man erkennt, dass die Demokratie auch ihre Grenzen hat“, meinte Kopf bei der Diskussion in Alpbach. „Jeder Experte weiß, was zu tun ist, dennoch haben wir uns in Österreich bisher erfolgreich gegen die Umsetzung gewehrt.“

Der Wandel im Arbeitsmarkt hat sich bereits vollzogen und wird in den kommenden fünf bis zehn Jahren markant ausfallen. Bereits jetzt erkennbar ist eine neue Wertschätzung älterer Mitarbeiter in den Unternehmen. Beim Forum Alpbach zeigt man sich optimistisch, dass die Thematik von Pension und längerem Arbeiten in Österreich gelöst wird. Der Schwierigkeiten ist man sich bewusst. „Es wird nicht funktionieren, weil es wirklich sinnvoll ist, älteren Menschen länger einen adäquaten Arbeitsplatz zu geben, sondern weil es schlicht und einfach wirtschaftlich notwendig ist“, fasste Kopf die Zukunft zusammen.

Produktives Altern in einem Unternehmen zu fördern, ist ein langer Prozess. Lechner von der voestalpine spricht bei seinem Programm „Life“ von schönen Erfolgen und vielen Rückschritten. Einen Tipp kann er jedem Unternehmen geben, das ältere Menschen in seinem Betrieb unterstützen will: „Ohne Hilfe von außen geht das kaum“, erklärte der Betriebsrat. „Gerade die Gesundheitsprävention oder die Evaluierung einzelner Arbeitsplätze bezüglich ihrer Altersgerechtigkeit braucht Spezialisten, die das Unternehmen bei allen Maßnahmen unterstützen.“




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