Letztes Update am Di, 21.01.2014 13:20

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


EXKLUSIV

Mehr Gesundheit für Tirol-Urlauber

Experten fordern in der TT-Diskussion, den Gesundheitstourismus in Tirol voranzutreiben. Die Probleme: mangelnde Koordination, Wildwuchs bei Angeboten, Probleme mit Versicherungen und fehlende Vermarktung.



Von A. Vahrner, M. Strozzi

Innsbruck – Tirol nutzt sein großes Potenzial im Gesundheitstourismus nicht aus. Darin war sich die Expertenrunde einig, die sich im Rahmen des Tourismusdialogs in den Räumen der Tiroler Tageszeitung der Diskussion stellte. „Die Frage muss sein: Wie kommt man vom Tralala-Wellnesstourismus in den medizinischen Bereich?“, sagt Andreas Wieser, Mitbegründer des Gesundheitszentrums Lanserhof (mit Promi-Gästen wie Milliardär Roman Abramowitsch) in Lans. „Tirols Tourismus muss den präventiv-medizinischen Bereich professionalisieren“, mahnt er. Die Voraussetzungen seien gegeben: Man sei Weltmeister in touristischen Leistungen, habe hervorragende Fachhochschulen, Unis und medizinische Ausbildung. „Tirol hätte beste Möglichkeiten, das Segment wesentlich stärker zu vermarkten. Gesundheitstourismus läuft bei der Tirol Werbung aber nur unter Klasse C.“

Er fordert eine zentrale Koordinationsstelle, die Forschung, Wissenschaft, Tourismus und Wirtschaft zusammenführt und etwa Produkte für den Gesundheitstourismus entwickelt sowie Hotels bei der Umsetzung hilft. „Der Hotelier ist mit dem Hoteldesign für Gesundheitstourismus überfordert und braucht Unterstützung“, so Wieser. Lernen könne man aus seiner Sicht viel von Singapur: „Die haben einen weltweiten Medizintourismus, die Angebote sind dort klar definiert und werden klar beworben.“

Im Tiroler Tourismus gebe es beispielsweise einen „brutalen Wildwuchs bei Burn-out-Angeboten“. Auch beim Thema Esoterik gebe es einen enormen Zulauf. „Hier haben wir wenig Angebot, eine Zusammenarbeit mit der theologischen Fakultät könnte viel bringen.“ Andere Angebote könnten sich hingegen auch an Familien mit übergewichtigen Kindern richten. „1,9 Millionen deutsche Kinder sind übergewichtig und ,totgepaukt‘, sitzen 46 Stunden die Woche in der Schule und kennen die Natur nicht. Da könnte Tirol mit wenig Aufwand Produkte anbieten“, so Wieser. Präventivtourismus, also krankheitsvorbeugend, oder Gesundheit im Alter seien zwei weitere Themen mit Potenzial. Tirol müsse mit dem Thema Gesundheit jedenfalls in Metropolen im Ausland präsent sein. „Etwa mit einem Tirol-Gesundheits-Haus“, rät Wieser in Anlehnung an den TirolBerg bei Sportevents. Insgesamt wünscht er sich für Tirol ein „White Paper“ zum Thema. „Was zählt zum Gesundheitstourismus, welche Produkte bietet man an, welche Unterstützung brauchen die Betriebe? Die Politik muss das als Auftrag nehmen und Budget zur Verfügung stellen.“

Auch Oliver Schwarz, Geschäftsführer des Ötztal Tourismus, plädiert für eine Koordinationsstelle für Gesundheitstourismus in Tirol, die auch die Entwicklung entsprechender Produkte vorantreibt. „Ob diese Stelle bei der Tirol Werbung oder der Standortagentur angesiedelt ist, ist egal. Man muss aber das Thema in eine Richtung bringen“, so Schwarz: „Dafür braucht es auch einen politischen Willen und eine Standortanalyse.“ Wer als Hotelier auf diese Karte setzt, müsste aber konsequenterweise den ganzen Betrieb umstellen. Das habe sich in der Praxis vor allem in Ski-Hochburgen wie Sölden als problematisch erwiesen.

Bessere Hilfestellung für Hoteliers fordert auch Horst Grass­egger, Gründer der Sport­­clinic Zillertal. „Ein seriöses Angebot im Gesundheitstourismus ist für viele Hoteliers viel zu komplex“, sagt Grassegger. Bei den Angeboten sei die Verbindung zu Spezialmedizinern daher unbedingt nötig. Problematisch dabei: die Verrechnung mit ausländischen Krankenanstalten. „Man muss Leistungen leicht mit ausländischen Versicherern abgelten können – und hier gibt es stärkere Regionen als Tirol.“

Schwierigkeiten in der Kooperation ortet Wolfgang Suitner, Geschäftsführer des Tourismusbüros Kühtai. „In Tirol herrscht ein Inseldenken, damit werden Kooperationen schwierig“, so Suitner. Er regt eine dauerhafte Expertenrunde an, um Gesundheitstourismus voranzutreiben.

Primär seien es einzelne Betriebe, die beim Thema Gesundheitstourismus Initiativen gesetzt hätten, die auch auf Tirol abstrahlen, bestätigt Tourismusberater Christof Schalber (con.os). „Eine reine touristische Fokussierung des Landes Tirol auf den Gesundheitstourismus beobachte ich allerdings nicht.“ Das Thema Gesundheit schwinge nur latent mit. „Ziel sollte es etwa sein, das Thema ,Bewegung in der Natur mit all ihren Vorzügen‘ zu kommunizieren.“

In der Entwicklung eines modernen Gesundheitstourismus habe Tirol anfangs viel wertvolle Zeit verschenkt, meint Wolfgang Schobersberger von der Privatuni UMIT in Hall. „Es hat Jahre gebraucht, bis Tourismus und Wissenschaft kooperiert haben“, kritisiert er. Rückblickend sei man wohl zu euphorisch ins Rennen gestartet. „Man kann nicht über Tirol die Käseglocke stülpen und sagen, jetzt machen wir Gesundheitstourismus. Mittlerweile aber beginnt der Brückenschlag zwischen Wirtschaft und Wissenschaft zu greifen.“ Eine Schwierigkeit liege aber auch darin, Gesundheit zu vermarkten. „Im Gesundheitstourismus will man ja keine Kranken haben.“




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