Letztes Update am Di, 21.10.2014 06:52

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Arbeitsmarkt

Wunsch nach Teilzeit bei jungen Männern

Was sich bei den Frauen schon seit Jahrzehnten abzeichnet, die Doppelt- und Dreifachbelastung, sei auch der Horror vieler Männer: 100 Prozent im Job geben müssen, dann noch halbe-halbe im Haushalt und ein liebevoller Vater und Ehemann sein.



Von Alexandra Plank

Innsbruck – Wer hat’s erfunden? Die Schweizer. Seit zwei Jahren gibt es bei den Eidgenossen die erfolgreiche Plattform „Der Teilzeitmann“. Gründer Andy Keel erklärt im TT-Gespräch die Intention: „Punkto Teilzeitarbeit stimmen bei Männern Wollen und Tun oft nicht überein.“ Laut der ersten repräsentativen Untersuchung in der Schweiz möchten 90 Prozent der Männer ihr Arbeitspensum reduzieren. Konkret arbeiten aber nur 13 Prozent aller Männer und acht Prozent der Väter von kleinen Kindern Teilzeit. Hier setzt das Projekt an. Das Team will dazu beitragen, dass der Anteil teilzeitarbeitender Männer bis 2020 auf über 20 Prozent steigt. Träger des Vorhabens ist der Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen. Finanziert wird das Projekt durch das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG). „Viele, vor allem junge Männer, wollen sich mehr Zeit für die Familie nehmen, ob nun Kinder vorhanden oder Eltern zu pflegen sind“, sagt Keel. Das sei auch ein Beitrag zur Chancengleichheit von Mann und Frau. „Derzeit arbeiten viele Frauen nach der Geburt ihres Kindes Teilzeit und kommen dann nicht mehr aus dieser Falle heraus, was sich negativ bei den Pensionen auswirkt.“ Wenn auch Väter ihr Arbeitspensum reduzieren würden, könnten die Frauen mit mehr Stunden wieder einsteigen.

Eberhard Siegl, Leiter des Männerbüros Salzburg, möchte das Projekt, das auf Infokampagnen bei großen Firmen und Plakate setzt, auch in Österreich etablieren. Das Interesse der Politiker sei aber überschaubar. „Der Bedarf ist gegeben, vor allem junge Männer erkennen zunehmend, dass Arbeit nicht das Einzige im Leben ist.“ Was sich bei den Frauen schon seit Jahrzehnten abzeichnet, die Doppelt- und Dreifachbelastung, sei auch der Horror vieler Männer: 100 Prozent im Job geben müssen, dann noch halbe-halbe im Haushalt und ein liebevoller Vater und Ehemann sein. „Aus meiner Beratungstätigkeit ist mir bekannt, dass sich junge Männer zunehmend operativ unfruchtbar machen lassen, um nicht in diese Tretmühle zu gelangen.“

Der Trend zur Teilzeit sei auch in Österreich spürbar. Laut dem Österreichischen Institut für Familienforschung weist die Teilzeitarbeit ein deutliches Gefälle zwischen Stadt und Land auf. In Wien arbeiten 6,2 Prozent der Männer mit Kindern Teilzeit, in Tirol sind es lediglich 3,5 Prozent. Von den Frauen mit Kindern arbeiten in Tirol 75,3 Prozent Teilzeit, in Wien lediglich 55,8 Prozent.

Laut Arbeiterkammer war ein Zehntel aller Tiroler Männer im ersten Quartal 2014 in Teilzeitbeschäftigung. Die Teilzeitquote der Tiroler Frauen lag bei mehr als 50 Prozent. Tirols Arbeiterkammerpräsident Erwin Zangerl ist skeptisch: „Leider scheitern Teilzeitmodelle derzeit meist an den finanziellen Rahmenbedingungen. Es ist jetzt schon traurige Tatsache, dass ohne doppelte Erwerbstätigkeit, meist Vollzeit, das Leben in Tirol kaum noch leistbar ist.“ Als Hauptursachen nennt er niedrige Löhne und hohe Lebens- und Wohnkosten. Dazu komme noch, dass Teilzeit bei Frauen vielfach in die Armutsfalle führen kann, sobald eine Partnerschaft zerbricht: Teilzeit = halber Lohn = halbe Pension. Teilzeit sei bestenfalls eine Übergangslösung.




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