Letztes Update am Fr, 14.11.2014 06:28

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Künstliche Wolke

Obergurgl auf Wolke sieben

Die Kunstschneeproduktion kostet viel Geld. Das könnte aber bald Schnee von gestern sein: Im Skigebiet Obergurgl-Hochgurgl wird ein neues System getestet, welches ressourcenschonend und günstig für weiße Pracht sorgen soll.

© pro.mediaEin österreichisches Forscherteam von der Universität für Bodenkultur und der Technischen Universität Wien ist an dem Projekt beteiligt.



Von Irene Rapp

Sölden – Der Termin war perfekt gewählt: Am gestrigen Donnerstag gab man in Obergurgl-Hochgurgl nicht nur den Startschuss in die Wintersaison 2014/15. Gestern wurde bei der Mittelstation der Hohen Mut in Obergurgl auch ein neues Projekt präsentiert, welches Skigebietsbetreiber schon jetzt brennend interessiert.

Die Gründe dafür nannte Michael Bacher von der Firma Neuschnee vor Ort: „Wir können mit unserem System nicht nur mit weniger Wasser als bei der konventionellen Schneeproduktion Schnee erzeugen. Unser System benötigt auch weniger Energie“, so der gebürtige Osttiroler, der Wildbach- und Lawinenverbauung studiert hat.

Die künstliche Wolke anlässlich ihrer Erstpräsentation in Obergurgl.
- APA/PRO.MEDIA/PHILIPP JOCHUM

Das neue System stellt demnach in einer Art künstlicher Wolke aus einem Kubikmeter Wasser bis zu 15 Kubikmeter Schnee her. Im Vergleich dazu gehen sich bei der herkömmlichen Schneeproduktion nur zwei Kubikmeter Schnee aus.

Bis zu 60 Mio. Euro Ersparnis

Ein Argument, das sich zu Buche schlagen könnte: „Pro Jahr werden in Österreich 120 Millionen Kubikmeter Schnee produziert. Wenn nur 20 Prozent davon mit unserem System produziert würden, könnte man 50 bis 60 Mio. Euro einsparen“, so Bacher.

Zahlen, die nicht ohne sind. Und die z. B. die Liftgesellschaft Obergurgl-Hochgurgl dazu bewogen haben, das Neuschnee-Freiluftlabor von Bacher und seinem Team in ihrem Skigebiet aufzustellen. Im Labor funktionierte die Schneeproduktion mit diesem System nämlich gut. Nun soll es im Freien erprobt werden, auch wenn gestern bei fünf Grad kein Schnee hergestellt werden konnte.

„Wir sind sehr an einer nachhaltigeren Schneeproduktion interessiert“, erklärte Werner Hanselitsch, Marketingleiter der Liftgesellschaft Obergurgl-Hochgurgl. Derzeit umfasst das Skigebiet 110 Pistenkilometer, 95 Prozent davon können künstlich beschneit werden. „Pro Jahr geben wir drei Millionen Euro für die Schneeproduktion aus“, sagte Hanselitsch. Kosten einzusparen sei daher immer ein Thema.

Pulverschnee-Erlebnis

Das Ergebnis aus der künstlichen Wolke hat aber noch einen weiteren Vorteil zu bieten: „Unser Schnee hat dieselbe geringe Dichte wie natürlicher Schnee“, informierte Bacher. Der Kunstschnee komme daher an den fluffigen natürlichen Pulverschnee sehr nahe heran. Nicht zu vergessen: Aufgrund dieser Konsistenz seien die Auswirkungen auf die Flora nicht so gravierend wie bei herkömmlich hergestelltem, sehr dichtem Kunstschnee.

Die Verantwortlichen sind jedenfalls zuversichtlich: Nach der Testphase soll 2015 bereits ein Prototyp hergestellt werden. Im Winter 2017

18 könnte dann die neue Technologie zum Preis einer herkömmlichen Schneekanone in ausgewählten Skigebieten im Einsatz sein. In unterschiedlichen optischen Ausführungen, wie Architekt Walter Klasz vom Institut für Gestaltung der Universität Innsbruck sagte. „Es sind verschiedenste Konstruktionen denkbar, um die Wolke vor Ort in Einsatz zu bringen“, zeigte er u. a. Bilder von reizvoll an die Landschaft angepassten Möglichkeiten.

Der Wermutstropfen

Einziger Wermutstropfen: Auch für die künstliche Wolke braucht es niedrige Temperaturen, um etwas produzieren zu können. „Ab -5 Grad kann man Schnee herstellen“, erklärte Bacher. Seit 2009 beschäftigt er sich mit dem Thema Schneeerzeugung: zunächst mit Kollegen an der Uni für Bodenkultur Wien und der Technischen Uni Wien – jetzt im Unternehmen „Neuschnee“. Die Standortagentur Tirol unterstützt jedenfalls das Projekt: „Tirol soll zu einem Labor für neue Zukunfts­ideen entwickelt werden“, nannte Geschäftsführer Harald Gohm den Grund.